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LR vor Ort
Der Wert der regionalen Ware

Markttag in Wittichenau: Ladeninhaberin Birgit Bensch (r.) geht bei Irene Brisko und Bettina Domaschke (l.) einkaufen. Die beiden Damen haben unter anderem regionale Wurstwaren, Obst und Gemüse im Angebot.
Markttag in Wittichenau: Ladeninhaberin Birgit Bensch (r.) geht bei Irene Brisko und Bettina Domaschke (l.) einkaufen. Die beiden Damen haben unter anderem regionale Wurstwaren, Obst und Gemüse im Angebot. FOTO: Anja Hummel / LR
Wittichenau. Nachwuchssorgen und Großkonkurrenz: Der Handel in Wittichenau braucht Kundschaft. Von Anja Hummel

Blumengestecke, Fleischwaren, frischer Fisch, regionaler Käse und verlockend duftende Backwaren – wenn mittwochs und freitags Markttag ist, dann ist reges Treiben im Wittichenauer Ortskern. „Däumchendrehen ist nicht“, sagt Bettina Domaschke energisch. Neben ihr steht Irene Brischko, die eifrig mit dem Kopf nickt. Die beiden Frauen sind sich einig. Sie müssen es wissen. Seit vielen Jahren stehen sie zweimal wöchentlich auf dem Marktplatz in Wittichenau, verkaufen Wurstwaren, Obst und Gemüse. „Die Wertschätzung der regionalen Produkte ist schon da“, sagt Irene Brischko, die gerade ihre Ware im Fleischereiwagen verpackt hat. Es ist halb drei am Nachmittag, der Feierabend ist eingeläutet. Alt und Jung waren wieder da, aus der Stadt und den umliegenden Dörfern.

Auch Birgit Bensch kommt regelmäßig vorbei. Sie hat es nicht weit. Ihr „Babylädchen“ ist gleich um die Ecke. Nicht zuletzt, weil sie selber Ladenbesitzerin ist, legt sie Wert auf den Einkauf im eigenen Ort. „Wir Wittichenauer sind schon sehr stolz auf unsere Stadt“, erzählt die 47-Jährige. Vom Plausch mit den Marktfrauen geht es an diesem frühlingshaften Mittwoch hinüber in die Bäckerei am Marktplatz. „Schade, dass noch keine Stühle und Tische draußen stehen“, bemerkt Birgit Bensch, als sie eine heiße Schokolade und einen Kaffee bestellt. Schließlich gehört für sie auch ein schönes Ambiete, „eine Oase, die zum Verweilen einlädt“, zum Marktgeschehen dazu. „Wir bekommen eine neue Ausstattung“, entgegnet die Bedienung. Deshalb die noch fehlenden Sitzgelegenheiten.

Früher, erinnert sich Birgit Bensch, war Wittichenau ein echter Geheimtipp in der Region. „Wer etwas Besonderes einkaufen wollte, ist hergekommen“, sagt die zweifache Mutter. „Wir haben eine dankbare Kundschaft, bei den älteren ist das immer noch im Köpfchen.“ Mittlerweile jedoch sind einige Geschäfte auf der Strecke geblieben: Spielwarenladen, ein Modehaus, ein Schuh- und ein Textilgeschäft haben ihre Pforten geschlossen. „Vor zehn Jahren war einfach die Loyalität eine andere“, sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Internethandel und Großmärkte ließen nur noch „Loyalität für den eigenen Geldbeutel“ zu. Sicherlich habe sie Verständnis dafür, sie selbst sei schließlich auch Verbraucherin. „Deshalb versuchen wir Händler auch, für jeden Geldbeutel was da zu haben“, sagt Birgit Bensch.

Auch für Wittichenaus Bürgermeister Markus Posch steht fest: „Es ist vor allem eine Frage der Einstellung der Einwohner.“ Kunden haben hohe Erwartungen, wünschen sich ein großes Angebot und beste Preise. Als Ladeninhaber sei es bei der wirtschaftlichen Situation schwierig, genau dem Ideal des Konsumenten zu entsprechen. „Deshalb ist es so wichtig, die Leute für den Einkauf im Ort zu sensibilisieren“, sagt Birgit Bensch. Die gelernte Einzelhandelskauffrau schlägt eine Seite im aktuellen Stadtmagazin auf. „Daheim kauf ich ein“, lautet der Titel. Worte wie Lebensqualität, Lebendigkeit und Schönheit sind hervorgehoben, zahlreiche Wittichenauer Geschäfte aufgelistet. „Das ist eine Aktion von unserem offenen Unternehmerkreis“, so Birgit Bensch, die von Anfang an aktiv dabei ist. Das wohl größte gemeinsame Projekt der Gewerbetreibenden: der jährliche Feuerzauber, eine Einkaufsnacht in Wittichenaus Straßen. Im Oktober ist es wieder so weit, etwa 30 Geschäfte machen mit. Das Interesse dafür sei gestiegen, erzählt die Hauptorganisatorin. Doch einmal im Jahr kauffreudige Kundschaft – das reiche nicht. „Wir müssen aufpassen, dass Wittichenau nicht zur Wohn- und Schlafstadt wird.“ Große Sorgen habe sie mit Blick auf die nächste Generation. „Es gibt einfach keinen Nachwuchs“, seufzt die Händlerin. Viel Zeit für die Familie, für Garten, Haus und Hof – darauf komme es den meisten heutzutage an. „Wer ein eigenes Geschäft hat, muss schon mit Herz und Seele dabei sein.“ Vor 18 Jahren hat sich die Wittichenauerin selbstständig gemacht. Ohne die Unterstützung ihrer Familie hätte sie das nicht geschafft, gesteht sie.

Doch sicherlich sei in der Nachwuchsfrage auch die Stadt in ihrer Pflicht, betont Birgit Bensch. Sie spricht von Infoveranstaltungen für interessierte Jungunternehmer, bei denen Händler wie sie Rede und Antwort  stehen.  Auch  finanzielle Förderung sei ein Thema. Um die städtischen Pflichten möchte sich Markus Posch auch gar nicht „drücken“, wie der Bürgermeister sagt. „Aber die Nachfrage ist leider einfach nicht da.“ Für die meisten sei es angenehmer, in Anstellung zu arbeiten.

Was den Händlern derzeit noch zusätzlich zu schaffen macht: der Straßenbau in Dörgenhausen. Für die kommenden zwei Jahre ist die Direktverbindung nach Hoyerswerda gekappt. „Das ist unser Todesstoß“, sagt Birgit Bensch deutlich. Umso mehr müssen die Händler mit ihrem individuellen Service auftrumpfen, „auf schön Wetter machen“, sagt sie.

Ihre Mittagspause ist gleich vorbei. Es geht einmal über die Straße zurück in ihr Lädchen. Während die Markthändler abbauen, steht ihre Tür noch bis abends offen. Ihre Leidenschaft für den Handel aber hat keine Schließzeiten. Es ist genau dieses Engagement, das vor allem die jüngeren Bürger auf kurz oder lang wieder mehr zu schätzen wissen müssen. Sonst könnten statt lebendiger Straßen bald nur noch leere Schaufenster Wittichenaus Stadtbild bestimmen.

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LR vor Ort 4c FOTO: LR