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| 14:56 Uhr

Naturschutz
Der stille Tod der Insekten

Wilfried Noack baut zum Schutz für Insekten spezielle Hotels.
Wilfried Noack baut zum Schutz für Insekten spezielle Hotels. FOTO: Anja Guhlan
Lauta. Viele Insektenarten sind bedroht oder bereits ausgestorben. Wie lokale Naturschützer und jeder Einzelne etwas gegen den Rückgang beitragen kann. Von Anja Guhlan

Auch schon aufgefallen, dass unter den Laternen weniger Insekten schwirren? Oder dass keine Insekten mehr auf den Windschutzscheiben kleben? Sachsenweit stehen rund 1280 Insektenarten bereits auf der Roten Liste, von denen 98 (7,7 Prozent) ausgestorben, weitere 122 (9,6 Prozent) vom Aussterben bedroht sind. Dieser Prozess hat zwar schon vor vielen Jahrhunderten begonnen, aber im 20. Jahrhundert eine unglaubliche Beschleunigung erfahren, stellt der Nabu Sachsen fest. Es ist zu befürchten, dass die Aussterberate in nächster Zeit rapide ansteigt, wenn nicht entgegengewirkt wird.

So beschäftigen sich seit Längerem Naturschützer in der Region mit dem Thema. Erst jüngst hatte die Ortsgruppe des Nabu in Lauta zum Thema Insektensterben diskutiert und sich dazu Imker Joachim Belau aus Seidewinkel eingeladen. Der Rentner beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Bienen und besitzt aktuell zwölf Völker. Er bestätigt: „Die Bienenvölker werden schwächer.“  400 Bienenarten kommen in Sachsen vor, deutschlandweit sind es rund 560 Arten. Etwa 290 (53 Prozent) davon stehen auf der Roten Liste. 39 Arten (7 Prozent) sind bereits ausgestorben oder verschollen. Droht den Bienen und anderen Insektenarten der stille Tod? „Dazu darf es nicht kommen“, betont der Imker. Denn Insekten sind wichtig: 80 Prozent der Kulturpflanzen werden von ihnen bestäubt. Zudem sind sie Nahrungsgrundlage für Fische, Vögel, Amphibien und Säugetiere. Insekten wie Ameisen fördern auch die Humusbildung, indem sie den Boden auflockern. Kurz: Insekten sind essenzieller Bestandteil unserer Umwelt.

Doch was können Naturschützer, was kann jeder Einzelne tun? „Garten- und Wiesenbesitzer könnten anfangen weniger zu mähen“, rät der Imker. Damit gibt man Insekten wieder Lebensraum. Wie Volker Reier, Naturschützer und Unternehmer in Lauta, schildert, habe das Thema auch bei ihm zu einem Umdenken geführt. „Gemäht wird auf dem Betriebsgelände und im heimischen Garten nun weniger.“ Die partielle Mahd wird in Sachsen zudem bereits auf über 170 Wiesen unter dem Begriff „Schmetterlingswiesen“ praktiziert. Auch selbst angelegte Blühstreifen, bunte Wiesen oder Wildflächen können Insekten Lebensraum bieten. „Oft wird auch ein Übermaß an Ordnung in den Gärten hergestellt. Einfach mal nichts tun“, rät eine Naturschützerin. Auch liegengelassenes Totholz ist für viele Insekten ein Lebensraum.

Die Ortsgruppe in Lauta begann 2017 damit Insektenhotels zu herzustellen. So baut unter anderem Wilfried Noack als Mitglied der Ortsgruppe kleinere bis mannshohe Insektenhotels aus den unterschiedlichsten Materialien. Zwei große Insektenhotels sollen dieses Jahr an den Ortseingängen von Lauta entstehen. „Und auch die Kooperation mit der Coppi-Grundschule in der Stadt soll fortgeführt werden, bei der Schüler mit hilfe der Ortsgruppe Nistkästen und Insektenhotels selber bauen können“, erklärt Noack.

Ebenso können mehrreihige Hecken aus heimischen Gehölzen angelegt werden, die im Frühjahr blühen und zudem gute Nistmöglichkeiten sind. Aber auch der Erhalt eines Obstbaumes im Garten bietet Insekten Nahrung.

Der Nabu Sachsen fordert zudem, dass Behörden ihre Handlungsspielräume nutzen sollten. Das Landratsamt Bautzen nimmt mit der unteren Naturschutzbehörde den besonderen und allgemeinen Artenschutz wahr, heißt es von einem Sprecher aus dem Amt. „Aufgabe der Naturschutzbehörde ist es, dafür zu sorgen, dass Lebensräume und Biotope erhalten werden“, sagt Peter Stange. So wird zum Beispiel über Baumbestände entschieden: Vorhandene Bäume werden gepflegt. Bei Bäumen, die nicht erhalten werden können, kann der untere Teil als Hochstubben und Lebensraum für  Insekten stehen bleiben. Es wird auch dafür  gesorgt, dass alter Baumbestand nachwächst. Bei Eingriffen in die Natur müssen Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen erfolgen. Aber auch eine ganze Reihe anderer geschützter Biotope wie Seggen- und Nasswiesen sowie  Ginsterheiden, dürfen nicht beseitigt werden.
Eine weitere Forderung des Nabu: der Einsatz von Pestiziden sollte drastisch reduziert, stattdessen der gezielte Einsatz von Nützlingen gefördert werden. Sowohl auf privatem Gelände, in Kleingärten als auch in den Kommunen und der Landwirtschaft. Der sächsische Landesbauernverband ist laut Geschäftsführer Manfred Uhlemann  seit Jahren dabei den Pflanzenschutzeinsatz zu reduzieren und heimische Insekten wie die Honigbiene zu schützen. Jährlich seit 2015 macht sich der Verband in einem Wettbewerb auf die Suche nach dem bienenfreundlichsten Landwirtschaftsbetrieb.

Die Hoffnung, dass der Rückgang der Insekten noch umkehrbar ist, besteht. Das kann jedoch laut Nabu Sachsen nur durch das Engagement von vielen Akteuren in der Gesellschaft gelingen.