ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:19 Uhr

Hoyerswerda
Schwerer Umgang mit Geschichte

Zum Start des Projekts „Zur Zukunft gehört Erinnerung“ haben die Schüler im Jugendklubhaus „Ossi“ einen Film über eine Ost-West-Liebesgeschichte gesehen. Nun tauchen sie in die DDR-Geschichte ein.
Zum Start des Projekts „Zur Zukunft gehört Erinnerung“ haben die Schüler im Jugendklubhaus „Ossi“ einen Film über eine Ost-West-Liebesgeschichte gesehen. Nun tauchen sie in die DDR-Geschichte ein. FOTO: Sascha Klein / LR
Hoyerswerda. Hoyerswerdaer Schüler tauchen für die kommenden Wochen in die DDR-Historie ab. Dabei treffen sie auf Lebenswege und die Eigenheiten des Systems. Von Sascha Klein

Berlin, 1982. Nele kommt aus West-Berlin und ist bei der Beerdigung ihrer Oma im Osten der Stadt. Alles für sie ist anders, alles fremd. Sie lernt den jungen Punk „Captain“ und seine Welt kennen. Eine Welt, die nicht in die DDR passt. Sie verlieben sich. Es könnte alles schön werden – gäbe es nicht die Mauer. Sie schmuggelt ein Video seiner Musik in den Westen, das Fernsehen zeigt das, er gerät in die Fänge der Staatssicherheit, wird verhaftet. Ihm drohen knapp neun Jahre Gefängnis.

Mit diesem Film startet im Hoyerswerdaer Jugendklubhaus „Ossi“ die 16. Auflage der Reihe „Zur Zukunft gehört die Erinnerung“ und wird sich mit der DDR-Geschichte beschäftigen. Für die Schüler könnte es mitunter ein Spagat werden – ein Spagat zwischen den Lebenserfahrungen ihrer Eltern und Großeltern und des Machtapparates auf der anderen Seite.

Etwas abseits der Schüler sitzt Helga Nickich. Die langjährige Leiterin der RAA Hoyerswerda/Ostsachsen lebt seit 1963 in Hoyerswerda und hat von Anfang der 1970er-Jahre bis nach der Wende als Russischlehrerin in Bernsdorf und Hoyerswerda gearbeitet. Ihr Antrieb, sich für dieses Projekt einzusetzen, waren die DDR-Partys der 1990er-Jahre. „Damals ist die DDR in den Medien absolut verherrlicht worden“, sagt sie. FDJ-Hemden dienten als Folklore, DDR-Fahnen und Honecker-Doubles als Teil einer spaßigen Show. Sie wollte, dass Jugendliche, die die DDR nicht mehr selbst kennengelernt haben, möglichst viele Facetten des einstigen Staates und seiner Strukturen begreifen können.

Die Schüler werden am 15. März zur Gedenkstätte Münchner Platz nach  Dresden fahren, sagt Erika Xenofontov von der RAA. Die Forschungsarbeit stehe in diesem Jahr unter dem Titel „In den Fängen der DDR-Strafjustiz“. An diesem Projekttag werden die Schüler selbstständig anhand der vor Ort verfügbaren Biografien und Auszügen aus den Originalakten unter der pädagogischen Leitung der Gedenkstätte forschen.

Im Alltag fällt es schwer, sich ein abschließendes Urteil über die DDR zu bilden. Das weiß auch Helga ­Nickich­. Sie sagt: Schon zu DDR-Zeiten haben die, die etwas über die dunklen Seiten des Systems wissen wollten, Informationen bekommen können. Allerdings sei es auch klar, dass diejenigen, die etwas gegen Ungerechtigkeiten unternehmen wollten, mit Konsequenzen haben rechnen müssen. „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Jugendliche heute diese Form der Verfolgung kennenlernen“, sagt sie.

Der Schirmherr des Projekts ist der einstige FDP-Bundestagsabgeordnete Klaus Haupt aus Hoyerswerda. Er hat den Film in der ersten Reihe verfolgt. Das Happy End wie im Film hat es jedoch im echten Leben oftmals nicht gegeben. Haupt ist es deshalb wichtig, dass Schüler von heute den direkten Kontakt zu Personen bekommen, die aus eigenem Erleben berichten können. „Kein Unterricht und kein Geschichtsbuch kann einen Zeitzeugen ersetzen“, sagt der frühere Biologie- und Geografielehrer. „Das Verharmlosen, Verdrängen und Beschönigen darf nicht mehr stattfinden“, betont er. Dazu zählt er vor allem den Satz: „Es war doch nicht alles schlecht.“ Auch Helga Nickich kann die Situation nicht objektiv beurteilen. Sie sagt, wer sich angepasst hatte, seine Arbeit ordentlich gemacht hat, hatte auch soziale Absicherung. „Derjenige ist trotzdem teils mit Scheuklappen durch die Gegend gelaufen“, betont sie. „Wir wollen nicht den Kübel über der DDR ausschütten“, sagt Klaus Haupt im Anschluss an die Veranstaltung. „Wir wollen aber unfreie Strukturen und Machtstrukturen aufzeigen.“ Am 14. Juni präsentieren die Jugendlichen im Jugendklubhaus „Ossi“ die Ergebnisse ihrer Forschung und sprechen dann mit Zeitzeugen.

Klaus Haupt hält solche Projekte wie „Zur Zukunft gehört die Erinnerung“ heute für so aktuell wie nie – angesichts der jüngsten Aussagen aus Richtung AfD. „Es ist auch heute wichtig, dass die Jugendlichen spüren, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist.“