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| 15:07 Uhr

Lausitzer Handwerk
Der Schuhmacher der Pferde

Hufschmied Frank Zschorlich beim Beschlagen von „Cizilie“, einer schweren Warmblut-Stute.
Hufschmied Frank Zschorlich beim Beschlagen von „Cizilie“, einer schweren Warmblut-Stute. FOTO: Rainer Könen
Dörgenhausen. Vor Ostern ist Frank Zschorlich ein besonders gefragter Mann. Dann reist der Dörgenhausener mit seiner mobilen Hufschmiede zu den Pferdebesitzern in der Region. Vor dem Osterreiten bekommen die Tiere neue Schuhe verpasst. Von Rainer Könen

Michael Wels schaut auf die Uhr. Geht noch einmal in den Stall, wo seine beiden Warmblutstuten Hanna und Cizilie stehen. Er greift zum Striegel, putzt Hanna noch einige Strohreste vom Rücken. Wieder ein Blick auf die Uhr. „Eigentlich müsste er jeden Moment kommen“, meint der 81-jährige Dubringer.
Er, damit ist der Dörgenhausener Frank Zschorlich gemeint. Mit seiner mobilen Hufschmiede ist der 41-Jährige in diesen Tagen bei den Pferdebesitzern in der Region besonders gefragt. Im Umkreis von rund 50 Kilometern steuert er Reiterhöfe und Stallungen von Pferdebesitzern an. Ostern steht ja vor der Tür. Das ist die Zeit, in der in der Lausitz wieder die Osterreiter unterwegs sind und deren Pferde vor allem eines brauchen: neue Hufeisen.
Der Besuch des Hufschmieds vor den Osterfeiertagen – das ist für den 81-jährigen Michael Wels ein alljährlich sich wiederholendes Procedere. Er reitet am Ostersonntag wieder mit gen Ralbitz, gemeinsam mit rund 600 Wittichenauer Reitern. Es ist schon seine 67. Teilnahme, damit gehört er mit dem Sollschwitzer Tierarzt Peter Bresan zu den dienstältesten Osterreitern in der Lausitz. Die 15-jährige Stute Cizilie, die er bei dem Prozessionsritt reiten wird, wiehert kurz, als sie hört, wie Zschorlichs Wagen auf das Grundstück einbiegt.
Frank Zschorlich wird von seinem Mitarbeiter, dem 22-jährigen Kai Schleiernick, begleitet. Der Hufschmied öffnet den weißen Lieferwagen, auf einer Innenfläche von fünf Quadratmetern hat der Dörgenhausener alles dabei, was er für seine Arbeit braucht. Angefangen vom Amboss über Bohrmaschine bis zu Hufeisen. Dubring ist seine erste Station. Insgesamt werden er und sein Mitarbeiter an diesem Tag zehn Pferden neues „Schuhwerk“ verpassen.

Mit schnellen Handgriffen zieht Zschorlich Amboss und Werkzeug aus dem Wagen. Während der Gasofen aufheizt, wird ein großer Eimer mit kaltem Wasser geholt. Die beiden schnüren sich die Beschlagschürze um, mit Cizilie geht es los. Sie wirkt am Anfang nervös. Michael Wels beruhigt sie. Das, was auf sie zukommt, haben seine Pferde schließlich schon einige Male mitgemacht. Und die, wie der 81-Jährige erzählt, seit November „barfuß auf der Weide unterwegs“ waren. Die Eisen des Vorjahres hat Wels aufgehoben, die alten werden die neuen sein. „Kann man machen, wenn sie noch nicht sehr abgelaufen sind“, findet Frank Zschorlich, der sich vor zehn Jahren als Hufschmied selbstständig machte und in die Fußstapfen seines Vaters Jurij trat.
Mit den Vorderhufen geht es los, mit einer großen Raspel, einer Art überdimensionierter Nagelfeile, bearbeitet er die Hornwand, säubert den Vorderhuf. Wie lange so ein Hufeisen hält? Eine Frage, die jemandem wie ihm oft gestellt wird. „Normalerweise müssen Pferdehufe alle sieben, acht Wochen bearbeitet werden“, erklärt der Dörgenhausener, während er sich nun um das andere Pferd kümmert, Hannas linken Vorderfuß zwischen die Knie klemmt. Im 800 Grad heißen Gasofen werden derweil die alten Hufeisen erhitzt - bis sie rot glühen und heiß genug für die Bearbeitung sind. Immer wieder schlägt er mit dem Hammer auf das heiße Hufeisen – für den Laien sieht das eher willkürlich und zufällig aus.
Wenn es aufs Osterreiten zugeht, sind er und sein Mitarbeiter besonders oft „on the road“. Die Hoch-Zeit des Hufschmieds, das sind die Wochen vor Ostern. Da ist er mit seinem Wagen von frühmorgens bis spätabends in der Region unterwegs. Eine kraftzehrende Arbeit sei das, aber eine, die er gerne macht, wie er erzählt. Er hat den Beruf von seinem Vater gelernt, ihm früher assistiert. Früher, da brachten die Pferdebesitzer ihre Tiere noch zum Hufschmied. Aber die Zeiten ändern sich, und nun fährt Frank Zschorlich seit vielen Jahren mit seiner mobilen Hufschmiede zu den Pferdebesitzern.

Hat sich die Arbeit eines Hufschmiedes im Laufe der Zeit geändert? Kopfschütteln. Nein, das Grundsätzliche an der Arbeit sei in den letzten 100 Jahren unverändert geblieben, so der Dörgenhausener. „Amboss und Feuerzangen gehören immer noch dazu. Und ein Handwerk wird es auch bleiben.“ Verändert hätten sich jedoch die Pferde, seien vielfach sensibler geworden, was wohl mit der Zucht zusammenhänge. Und er muss heutzutage auch einige Pferde mit orthopädischen Problemen beschlagen. Die Rösser von Michael Wels haben keine Probleme mit ihren Hufen, sie werden ganz gewöhnlich behandelt.
Die erste Huf-Anprobe. Es zischt, es qualmt, Flammen züngeln, der Geruch verbrannten Horns liegt in der Luft, als Zschorlich das erhitzte Eisen auflegt. Nach dem heißen Beschlag werden die Eisen in einem Eimer mit kaltem Wasser gekühlt. Bevor die Eisen vernietet werden, bearbeitet Zschorlich sie noch am Schleifbock. Die neuen alten Eisen werden mit sechs Nägeln pro Huf befestigt. Speziellen Nägeln für Pferde, die besonders häufig auf Asphalt unterwegs sind. Denn am Ostersonntag wird Michael Wels mit seinem Pferd eine Strecke von rund 50 Kilometer reiten, zumeist auf der Straße.
Nach einer knappen Stunde Arbeit ist alles vorbei. Aus Sicht des Hufschmiedes ein ganz normaler Beschlag. Klar, Problempferde habe er gelegentlich auch. Da kann es schon mal vorkommen, dass man einen Tritt abbekommt. Gehört zum Berufsrisiko, schmunzelt Zschorlich.
Noch ein kurzer Plausch mit Michael Wels. Man wird sich beim Osterreiten in Wittichenau sehen. Frank Zschorlich wird ebenfalls dabei sein. Mit seinem frischbeschlagenen Pferd.