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Der Lug entlastet die Altstadt von Hoyerswerda vom steigenden Grundwasser

LMBV-Projektmanager Jürgen Nagel erklärt die Sanierungsarbeiten im Lugteich-Gebiet. Foto: T. Richter/trt1
LMBV-Projektmanager Jürgen Nagel erklärt die Sanierungsarbeiten im Lugteich-Gebiet. Foto: T. Richter/trt1 FOTO: T. Richter/trt1
Laubusch. Kaum jemand hat schon einmal am Ufer des Lugteiches nordwestlich von Hoyerswerda gestanden. Und das aus gutem Grund: Denn das abgeschiedene Restloch des Tagebaus Laubusch soll künftig der Natur vorbehalten bleiben. Derzeit rattern jedoch zwölf Stunden pro Tag schwere Lastwagen durch das Gebiet. trt1

Schon die Anfahrt zum Lugteich ist ein Abenteuer. Denn normalerweise gilt das insgesamt rund 200 Hektar große Areal, das im Norden und Osten von der Schwarzen Elster, im Süden von der Weinbergsiedlung und im Westen von der Gartenstadt Laubusch begrenzt wird, als gesperrt. Zahlreiche Schilder warnen vor den Gefahren, denn die bergmännische Sanierung ist noch nicht abgeschlossen. Doch im Fahrzeug von Jürgen Nagel, Projektmanager der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), ist man auf der sicheren Seite. Der 56-jährige Ingenieur kennt das Gebiet wie seine Westentasche. Nagel ist für viele Maßnahmen der Bergbausanierung verantwortlich, die dort geschehen.

Östlich von Laubusch beginnt das Abenteuer Lugteich. Die Fahrt geht auf ausgebauten breiten Wegen zügig voran. Bald lichtet sich der Mischwald, und eine breite Lichtung bestimmt das Bild. "Hier fuhr einst die Grubenbahn", erklärt Jürgen Nagel. Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich ein Graben. Sein Bett ist feucht, doch Wasser fließt nicht. Ein ausgeklügeltes System verbindet den Lugteich mit dem wenige Kilometer entfernten Kortitzmühler See und dem Erikasee und diesen wiederum mit der Schwarzen Elster. Der Lugteich selbst wird vom Westrandgraben gespeist, der in Hoyerswerda beginnt. "Damit wird also das ansteigende Grundwasser aus der Hoyerswerdaer Altstadt abgeleitet. Somit bekommen die Einwohner keine nassen Füße", erklärt der Projektmanager. Dafür sorgen drei Horizontalfilterbrunnen. Die Neustadt von Hoyerswerda werde dagegen durch ein System in Verbindung mit dem östlich der Stadt gelegenen Scheibe-See trocken gehalten. Um das extrem eisenhaltige Wasser, das sich deutlich in den Gräben niederschlägt, vor dem Einlauf in die Schwarze Elster zu säubern, soll mittelfristig in Höhe der Kortitzmühle bei Geierswalde eine Bekalkungsanlage errichtet werden.

Nicht weit von der Brücke über den Verbindungsgraben entfernt, befindet sich tief im Wald versteckt seit Juni 2004 der Gedenkstein für die Orte Alt- und Neu-Laubusch. Beide Dörfer mussten noch vor dem Zweiten Weltkrieg der Braunkohlengrube Erika Platz machen. Denn dieser Tagebau veränderte die Landschaft zwischen Nardt, Laubusch und Lauta entscheidend. Aus ihm geht neben dem Erikasee und dem Kortitzmühler See auch der Lugteich hervor.

Laut LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber wurde vor der bergbaulichen Tätigkeit das gesamte Gebiet als "Lug" bezeichnet. Ein Blick auf eine alte Landkarte aus den 1920er-Jahren beweist es: Zahlreiche Teiche prägten früher das Landschaftsbild nordwestlich von Hoyerswerda. Später entstand der Klärteich, der heute im Lugteich aufgegangen ist.

Noch bevor der Uferbereich erreicht ist, heißt es Luft anhalten. Denn ein schwerer Lkw nach dem anderen braust mit dichten Staubwolken vorbei. Jeder ist mit rund zwölf bis 14Kubikmetern Erdmassen beladen. Der Boden wird von zwei Standorten in mehrere Tieflagen am Lugteich transportiert, um diese zu verfüllen. Die Zeit drängt, denn das Wasser steigt. Bis Ende Oktober werden insgesamt rund 1,4Millionen Kubikmeter Erde ihren Standort gewechselt haben.

Nach Angaben von Jürgen Nagel sind die bulligen gelben Lkw bis zu zwölf Stunden am Tag auf Achse. Die beiden Firmen nutzen das komplette Tageslicht aus, denn im Dunkeln ist das Arbeiten aus Sicherheitsgründen nicht gestattet. Die Fahrer wirken trotz des Zeitdrucks nicht gestresst. Viele grüßen und machen dem LMBV-Geländewagen bereitwillig Platz. Die Tieflagen müssen rasch verfüllt werden, da durch das aufsteigende Nass die Geländestabilität gefährdet würde, etwa durch Grundbrüche. "Dann wäre das Gebiet wahrscheinlich für alle Ewigkeit nicht betretbar", betont Jürgen Nagel.

Die Eile scheint tatsächlich geboten. Denn das Wasser im Lugteich steigt. Derzeit bewegt sich der Wasserstand LMBV-Angaben zufolge bei 107,68Meter über Normalnull. Der Zielwert sind 110Meter. Wenn alles so funktioniert wie geplant, ist das Restloch im Jahr 2014 vollständig gefüllt. Dann wird der Lugteich eine Fläche von 95Hektar einnehmen. Derzeit sind es lediglich rund 40Hektar. Die Wasserfläche speist sich ausschließlich aus dem Grund- und dem Oberflächenwasser. Die eigentliche Grundsanierung erfolgte bereits vor einem Jahrzehnt. Damals wurde als Kernstück ein versteckter Damm, der die Funktion einer Spundwand besitzt, in den Lugteich eingebracht.

Das Wasser, der umgebende Mischwald und vor allem die Ruhe ziehen zahlreiche Tier- und Pflanzenarten ins Gebiet. Selbst extrem seltene Arten sind dort beheimatet. "Wahrzeichen" ist ein stolzer Seeadlerhorst in der Krone einer Pappel unweit des Ufers. "Die Vögel lassen sich von den Sanierungsarbeiten nicht stören", hat Jürgen Nagel beobachtet. Nach Angaben des Landkreises Bautzen brütet der Adler dort aber nicht regelmäßig. Die Behörde habe die Sanierer vor Beginn der Arbeiten darüber belehrt, dass im Umkreis von 300 Metern um den Horstbaum keine Maschinen und weitere Gerätschaften abgestellt werden dürfen. Von den insgesamt rund 60 Seeadler-Brutpaaren im Freistaat lebe etwa die Hälfte im Landkreis Bautzen.

Um diese Naturidylle zu erhalten, ist für das Lugteich-Gebiet auch mittelfristig keine touristische Erschließung vorgesehen. Selbst öffentliche Wege werden künftig nicht hineinführen. Die LMBV bittet die Seenland-Gäste, dies zu akzeptieren. "Das Lausitzer Seenland braucht schließlich auch Orte der Ruhe und der Abgeschiedenheit", begründet Jürgen Nagel.