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| 17:13 Uhr

Interview mit Lars Bauer
Der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält

 Lars Bauer ist Geschäftsführer des Kreissportbundes Bautzen.
Lars Bauer ist Geschäftsführer des Kreissportbundes Bautzen. FOTO: Rainer Könen
Hoyerswerda. Über den Stellenwert von Vereinen in der heutigen Zeit sprach LR mit Kreissportbund-Geschäftsführer Lars Bauer. Von Rainer Könen

Herr Bauer, wie wichtig sind Vereine in der heutigen Zeit?

Bauer Sie sind der Kitt unserer Gesellschaft. Aufgaben, die der Staat aus unterschiedlichsten Gründen nicht wahrnehmen kann, jedoch zum Teil entscheidend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die gesellschaftliche Entwicklung sind, werden durch Vereine umgesetzt. Vereine sind eine Lebenswelt, ein Ort für Austausch, Lernen und Willensbildung sowie für das freiwillige Engagement. Zunehmend sind sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und nehmen Einfluss auf die politische Willensbildung. Sie müssen jedoch mehr denn je innovativ, belebend und mutig agieren, sich den zukünftigen Herausforderungen stellen.

Wenn Sie sich die Entwicklung der Sportvereine in Hoyerswerda und Umgebung anschauen, was ist Ihnen in den zurückliegenden Jahren aufgefallen?

Bauer Die Entwicklungen, bezogen auf den organisierten Sport im Freistaat sowie im Landkreis Bautzen, spiegeln sich auch auf Hoyerswerda und den umliegenden Gemeinden wieder. Das beziehe ich auf die Anzahl an Vereinen, Vereinsgröße, Mitgliederentwicklung sowie die Sportangebote. Es gibt keine gravierenden Rückschnitte oder große Entwicklungssprünge. Bemerkenswert ist jedoch die Entwicklung im Hundesport sowie im Segel- und Seesport. Hier haben sich in den letzten Jahren nachhaltige Strukturen etabliert.

Was motiviert Menschen, sich in Vereinen zu engagieren?

Bauer Ich denke sie wollen die Gesellschaft im „Kleinen“ mitgestalten, anderen helfen und auch, trotz neuer Trends, die Gemeinschaft und das Beisammensein erleben.

In vielen Studien wird das deutsche Vereinswesen beleuchtet, kommt man zur Einschätzung, dass die Orientierung zur Gemeinschaft in der heutigen Zeit stark rückläufig ist. Der Trend geht zunehmend zur Individualisierung. Wie gehen Sportvereine mit dieser Entwicklung um?

Bauer Von einem Trend zur Individualisierung in unserer Region möchte ich nicht sprechen. Unsere Statistiken zeigen da keine Auffälligkeiten. Der Trend beschreibt ja, dass jeder seinen eigenen Tages- und Wochenrhythmus hat und alles zu jeder Zeit für das Sporttreiben nutzbar sein muss. Das kann der organisierte Sport, auch im Hoyerswerdaer Raum, nur bedingt sicherstellen. Der Vereinssport wird sich in Zukunft noch flexibler und zielgruppenorientierter aufstellen.

Gibt es im Hoyerswerdaer Raum Vereine, die besonders gefragt sind und welche, die bald vor dem Aus stehen werden?

Bauer In Hoyerswerda und den umliegenden Gemeinden gibt es etwa 10 000 Sporttreibende, die sich in 80 Sportvereinen organisieren. Knapp 2000 Mitglieder spielen in 20 Vereinen Fußball. Weiter folgen dann die allgemeinen Sportgruppen (1436 in 16 Vereine), der Gesundheitssport (738 in vier Vereinen), die Gymnastik (499 in zwölf Vereinen) und Volleyball (423 in elf Vereinen). Den stärksten Mitgliederverlust im Bautzener Landkreis hat der Kegelsport.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei den hiesigen Vereinen?

Bauer Bei den meisten Sportvereinen ist dieses Thema unterrepräsentiert, sollte jedoch künftig mehr in den Fokus rücken. Es gibt bereits jetzt etliche Möglichkeiten für Wissenstransfer und Automatismen, die unsere Vereinsarbeit positiv beeinflussen können. Die Digitalisierung wird unsere Arbeit erleichtern und neue Entwicklungspotentiale eröffnen.

Abgesehen vom demographischen Wandel, ist es für Vereine in der heutigen Zeit schwerer geworden, Mitglieder zu halten, zu werben?

Bauer Ja, zum Teil wird es schwerer, denn seit Anfang der 90er-Jahre nimmt die Zahl der Einwohner im Kreis ab. Wenn wir die Statistik des organisierten Sports der letzten Jahre im Landkreis betrachten, zeigt sie jedoch einen positiven Trend - mehr Vereinsmitglieder bei geringer werdenden Bevölkerungszahlen. Der organisierte Sport hat hier eine unbezahlbare und enorm wertvolle Arbeit geleistet und eine Vielzahl an Maßnahmen ergriffen, um diesen Wandel positiv im Sinne des Sporttreibens zu gestalten. Nichtsdestotrotz wird der weiter prognostizierte Bevölkerungsrückgang uns vor Herausforderungen stellen.

Sollte die Politik das Vereinsleben fördern?

Bauer Die Politik fördert bereits den Sport. Wichtig ist hier vor allem, das Ehrenamt zu unterstützen. Wir müssen Lust auf das Ehrenamt machen. Als organisierter Sport mit den uns gestellten Rahmenbedingungen können wir dies nur bedingt. Bildungsurlaub, Rentenpunkte für Ehrenamtliche, ehrenamtsfreundliche Strukturen in der Verwaltung oder auch die vielbesagte Entbürokratisierung sind Möglichkeiten, um weitere Signale der Wertschätzung gegenüber dem Ehrenamt zu senden.

Was glauben Sie: Wie wird sich das Vereinswesen in Deutschland, hier im Landkreis entwickeln?

Bauer Vereine passen sich den Entwicklungen unserer Gesellschaft an. Herausforderungen wie Integration, Inklusion, Mobilität, der demografische Wandel und vieles mehr, werden sie auch in Zukunft erfolgreich meistern, wenn sie die ausreichende Unterstützung durch die Politik erhalten. Vereine werden sich weiter professionalisieren, noch flexibler und anpassungsfähiger aufstellen. Neue Vereine mit neuen Interessensgemeinschaften werden entstehen. Vereine werden sich aber auch aufgrund von Mitgliederschwund oder fehlendem Ehrenamt auflösen. Im ländlichen Raum wäre es schön, wenn Vereine enger zusammenrückten. Perspektivisch werden wir weniger Vereine im Landkreis haben, aber ohne einen starken Rückgang in der Vielfalt der Angebote.

Sind Sportvereine gehalten, sich mit dem gesellschaftlichen Wandel, mit veränderten Wertesystemen auseinandersetzen zu müssen?

Bauer Vereine müssen sich mit einer Vielzahl an Änderungsprozessen auseinandersetzen, sollten dies mit Blick auf den gesellschaftlichen Wandel tun. Ich sehe den Sportverein als eine Wertegemeinschaft, in dem sich Menschen mit verschiedensten Wertevorstellungen aufgrund von gemeinsamen Interessen treffen. Menschen unterschiedlichster Nationen und Glaubensrichtungen, aber auch politischer Einstellungen haben eine gemeinsame Schnittmenge. Der Verein ist ein idealer Ort, um die Grundprinzipien der Demokratie zu erleben.

Wird es auch in 100 Jahren Sportvereine geben?

Bauer Ich denke dass es auch in Zukunft den Sport, respektive die Bewegungsförderung geben wird. Die Anerkennung des Sports als gesundheitsförderndes Instrument sowie die Vielfalt an Motiven des Sporttreibens nimmt zu.

Jedoch gibt es neben dem Sportverein viele andere Institutionen und Initiativen, die Bewegungsangebote anbieten. Bereits heute kommt der Sportanbieter zum Kunden, siehe die vielen Fitnessapps. Neue Ideen ermöglichen unbegrenzte Chancen des Sporttreibens. Die Plattform urbansportsclub.com ist da auch ein Beispiel. Neue Sporträume und Sportarten entstehen. Gelingt es dem organisierten Sport, das traditionelle Wesens des Vereins mit der Moderne zu verknüpfen, werden die Sportvereine auch in Zukunft unsere Gesellschaft zusammenhalten.

 Lars Bauer ist Geschäftsführer des Kreissportbundes Bautzen.
Lars Bauer ist Geschäftsführer des Kreissportbundes Bautzen. FOTO: Rainer Könen