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| 10:08 Uhr

Der erste Mann im Tagebau Scheibe

Reiner Miertschink.
Reiner Miertschink. FOTO: Mielke
Einsam und allein hat Reiner Miertschink an einem Tag des Jahres 1982 zwischen Riegel und Kühnicht gestanden. Der Wald war zwar schon für den Tagebau Scheibe gerodet, die erste Sechs-KV-Leitung vom Tagebau Lohsa herübergezogen. Aber sonst war da nichts. Keine Bagger, kein Stützpunkt, keine Straßen, keine Bergleute. „Ich war der Allererste, den man dort hingestellt hat”, sagt der heute 57-Jährige. Von Thomas Mielke

Der Elektriker sollte den Aufschluss des Tagebaus vorbereiten, die zu installierenden Wasserpumpen mit Strom versorgen. Ausgewählt wurde er unter anderem, weil er zu diesem Zeitpunkt in Lohsa wohnte und ohnehin jeden Tag auf dem Weg zum BKW Welzow am zukünftigen Fördergebiet vorbei musste. Zudem hatte er sich qualifiziert, das Meisterstudium abgeschlossen und ließ sich neben der Arbeit gerade zum Elektroingenieur ausbilden.
So bekam Reiner Miertschink ein Motorrad gestellt - und eine Bahnschwelle. Diese wurde hochkant in die Erde gerammt und daran ein Feldtelefon befestigt, so dass sich der Elektriker Anweisungen abholen und Rapport geben konnte. Lange Zeit waren das die einzigen größeren Ausrüstungsgegenstände.
Damals war Reiner Miertschink 32 Jahre alt und arbeitete schon lange als Elektriker im Bergbau. 1950 in Weißkollm geboren, lernte und lebte er bis zum Ende der 8. Klasse in seinem Heimatdort. "Eigentlich wollte ich Fernsehmechaniker werden”, sagt er. Doch dann wurde ihm innerhalb eines Pilotprojekt die Ausbildung zum Elektriker und der Zehnklassen-Abschluss angeboten.
Nach der Lehre im BKW "Glückauf Knappenrode” stieg Reiner Miertschink 1969 bei der Entwässerung im Tagebau Burghammer ein, musste aber bereits zwei Monate später zur Armee. Nach der Zeit bei der Nationalen Volksarmee sorgte er wieder für eine reibungslose Stromversorgung im Tagebau Burghammer.

Die ersten Roboter kamen
Da dieser aber 1972 auslief, wechselte Reiner Miertschink zum BKW Welzow. "Bald kam die Zeit, in der die ersten Roboter eingebaut wurde”, erinnert sich Reiner Miertschink. "Damals wurde ich zum echten Elektriker geformt.” In den verschiedensten Tagebauen hat er Bagger repariert, Pumpen instand gehalten, Leitungen verlegt . . . In dieser Zeit lernte er auch seine Frau kennen und lieben. 1973 haben sie geheiratet. Zwei Mädchen, Nadine und Juliane, wurden dem Paar geboren.
Während die Kinder größer wurden, arbeitete der Vater im Tagebau Scheibe. Ewig allein war er dort nicht. Als 1985 die Kohleförderung anlief, arbeiteten Tausende um ihn herum. "Scheibe war ein Mustertagebau”, erzählt Reiner Miertschink. Große Pannen oder Ausfälle hätte es bis zum Ende 1996 kaum gegeben.
Dann wurde der Tagebau abgefahren. Reiner Miertschink half bis zum Schluss und ging dann bei der LMBV in den Sanierungsbergbau. Er spezialisierte sich auf den Wasserbau und hat viele Projekte in Ostsachsen maßgeblich mitbestimmt. Ganz besonders stolz ist er auf die Neiße-Wasser-Überleitung.
Nach rund 42 Jahren ging Reiner Miertschink, viele Jahre Vize-Leiter verschiedener Abteilungen sowie erster und einer der letzten Männer im Tagebau-Scheibe, nun in den Vorruhestand. "Jetzt bin ich Hausmann”, sagt der 57-Jährige, dessen Frau noch arbeitet. "Ich hätte auch noch drei, vier Jahre weitergemacht, man fühlt sich ja noch rüstig und hat einen Erfahrungsschatz.” Aber auf der anderen Seite sei es richtig, dass die Jüngeren zum Zuge kommen. Angst vor Langeweile hat er nicht. An seinem Haus in Kühnicht, das er seit 1993 bewohnt, ist immer etwas zu tun.
Die Lohsaer Skatbrüder freuen sich über einen Besuch, in der Gemeinde hat er auch einen Garten, den Enkeln will er mehr Aufmerksamkeit widmen, Konzerte besuchen, mindestens zweimal im Jahr in den Süden in Urlaub fahren . . .