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Der "Amazona" und die Erinnerung bleiben

Andreas Wagner und die Vereinsvorsitzende Carola Vesper stehen im Vereinsdomizil des Fanfarenzuges in der Bonhoefferstraße vor den einst glanzvoll errungenen Siegerpokalen.
Andreas Wagner und die Vereinsvorsitzende Carola Vesper stehen im Vereinsdomizil des Fanfarenzuges in der Bonhoefferstraße vor den einst glanzvoll errungenen Siegerpokalen. FOTO: cw
Hoyerswerda. In der bewegten Zeit nach der politischen Wende ab 1990 haben sie in Hoyerswerda als "Macher" in Wirtschaft, Politik und Kultur gewirkt. Was tun die Charakterköpfe von einst, die heute nicht mehr so im Rampenlicht stehen, heute? Danach fragt eine Serie der LAUSITZER RUNDSCHAU. Heute: Fanfarenzug- und Künstlermanager Andreas Wagner. Catrin Würz

An die glanzvollen Zeiten, als der Fanfarenzug Hoyerswerda noch eine international bekannte Größe in der Show-Band-Szene war, erinnert sich Andreas Wagner heute mit Wehmut. Aber auch noch immer mit großem Stolz, sagt der 50-Jährige selbstbewusst. Denn in den 1990er-Jahren und bis Mitte der 2000er-Jahre gab es in Deutschland und sogar in Europa kein Vorbeikommen an dem Lausitzer Fanfarenzug. Der Musikverein hatte auf seinem Zenit weit über 100 Vereinsmitglieder und eine 86-köpfige Auftrittsformation. Ausgefeilte Marschchoreografien und moderne Musiken mit vielen Einflüssen von Samba bis Bolero waren das Markenzeichen. "Wir haben damals alle Register gezogen - und waren dafür bekannt, frisch und unverbraucht zu wirken", erinnert sich Andreas Wagner, jahrelang der künstlerische Leiter für den Verein. Wagner komponierte selbst einige Musiktitel für die Fanfarenzug-Show. Sein "Amazona" ist inzwischen legendär und wird noch heute von Musikvereinen überall im Land gespielt.

Fernsehauftritte und sogar eine Einladung zum Dreh in einem internationalen Kinofilm waren für die Hoyerswerdaer damals an der Tagesordnung. Und als einziger Verein konnte der Fanfarenzug 2002, 2004 und 2006 dreimal in Folge Deutscher Meister werden und erkämpfte sich in diesen Jahren bei den Weltmeisterschaften der Marsch- und Showbands in Holland, Italien und Deutschland mehrfach vordere Plätze - zum Beispiel als drittbester Naturfanfarenzug der Welt.

Doch die Erfolge von damals scheinen heute in einer unerreichbaren Ferne zu liegen. "Unseren Verein hat es mit voller Härte getroffen", sagt Andreas Wagner heute. Der demografische Wandel und der anhaltende Bevölkerungsschwund hat sich im Hoyerswerdaer Fanfarenzug auf die schlimmste Weise niedergeschlagen. Viele junge Leute, die in der Formation aktiv waren, sind für Ausbildung und Beruf weggegangen. "Sie leben jetzt in Dresden, München und Potsdam. Dort könnten wir ganze Trainingsgruppen eröffnen", sagt Wagner mit bitterem Unterton.

Eine Entscheidung muss her

Inzwischen hat der Fanfarenzug in Hoyerswerda gerade noch zwei Dutzend Mitglieder. Auftritte sind kaum noch gebucht. Und selbst, wenn man neuen Nachwuchs für den Fanfarenzug begeistern könnte, fehlen inzwischen die Übungsleiter dafür. Mindestens sechs Übungsgruppen wären für die Bläser- und die Trommelstimmen nötig. Doch das kann der Verein mit seinen gegenwärtig zur Verfügung stehenden Kräften nicht stemmen. Im Februar wird es eine Mitgliederversammlung geben, auf der sich entscheiden muss, wie es mit dem Fanfarenzug weitergeht. "Dort müssen wir der Realität ehrlich ins Auge blicken", sagt die Vereinsvorsitzende Carola Vesper, die mit Andreas Wagner ein enges Team bildet.

Für den 50-Jährigen waren die vergangenen Jahre, in denen er mit dem Fanfarenzug quasi seinen Lebensinhalt schwinden sah, sehr schmerzhaft. "Aber jetzt bin ich gerade dabei, mich neu zu orientieren", erzählt der Hoyerswerdaer. Im Sächsischen Landesmusik- und Spielleuteverband Sachsen ist Andreas Wagner noch als Mentor, Lektor und Ausbilder für die Stufe 3 aktiv und arbeitet dabei teils mit Musikstudenten. Wie früher komponiert und textet er noch etwas für andere Künstler. "Und ich habe begonnen zu schreiben", erzählt er. Vielleicht wird eines Tages ein Buch über eine verrückte Zeit seines Lebens erscheinen, sagt er augenzwinkernd.

Naturtalent entdeckt

Zu erzählen gäbe es da ja einiges. Wagner war seit 1992 auch im Künstlermanagement tätig. Er stellte ab 1993 die legendären Musik- und Volksfeste in Hoyerswerda auf die Beine. Er managte Konzerttourneen mit Costa Cordalis, Bad Boys Blue, Drafi Deutscher und La Bouche. Er entdeckte das Schlagersternchen Kristin aus Hoyerswerda, das mit Songs aus der Feder von Marco Lucciano - dieses Pseudonym gab sich Wagner damals - beachtliche Erfolge feierte. Mehrere Singles brachte die damals gerade 18-jährige Schülerin aus dem Foucault-Gymnasium heraus, trat im ZDF-Fernsehgarten und in mdr-Fernsehshows auf. "Kristin war ein Naturtalent. Sie konnte so viel Gefühl in die Lieder legen", schwärmt Andreas Wagner. Die bildhübsche Sängerin habe allerdings nach einigen Jahren ihre Künstlerkarriere aufgegeben - zugunsten von Familie und Beruf. "Aber ich denke heute noch manchmal mit Respekt daran zurück, was damals alles in so kurzer Zeit möglich war", so Wagner.

Mit Zuversicht nach vorn blicken

Der 50-jährige Hoyerswerdaer schaut inzwischen wieder mit großer Zuversicht nach vorn. Eine neue Liebe und neue Pläne schlummern in ihm. Und darin wird eben nicht nur der Fanfarenzug die Hauptrolle spielen. "Aber dies musste ich erst ganz langsam erkennen."