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| 02:44 Uhr

Das Wiedersehen will keiner missen

Die Gaststube im Wiednitzer Vereinshaus „Jägerhof” war am vergangenen Samstag bis auf den letzten Platz gefüllt. Zum 23. Mal seit 1986 fand das „Heyetreffen” statt. Es ist eine Veranstaltung, die die Kinder der ehemaligen Bergleute von Heye III vereint wie einst auf dem Spielplatz. Heute sind sie in die Jahre gekommen, sind zumeist Vorruheständler oder bereits Rentner. Das „Heyetreffen” ist ein Novum in der Lausitz. Von Jost Schmidtchen

Der Ort Heye entstand 1910 mit der Inbetriebnahme von Grube und Brikettfabrik Heye III als Wohnort für die Bergleute. Die Werksanlagen wurden im Auftrag der "F. C. Th. Heye Braunkohlewerke Annahütte N.L.” errichtet. Wie damals üblich trugen Grube, Werk und Siedlung den Namen des Besitzers oder seiner Töchter. Die "Werkskolonie Grube Heye III” befand sich in direkter Nähe der Brikettfabrik.

Ein Blick in die GeschichteSie umfasste Beamten- und Arbeiterhäuser, ein Badehaus, eine Schule und ein Werksgasthaus in geschlossener Bebauung im Landhausstil, gestaltet vom Dresdener Professor von Mayenburg.

In einer Chronik der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV) steht dazu geschrieben: "Dem Künstler ist es in vorzüglicher Weise gelungen, hier eine den neuzeitlichen Anforderungen entsprechende Werkskolonie zu bauen, deren Wohngebäude mit ihren hübschen Gärten den Bewohnern nach der angestrengten Tagesarbeit ein wohnliches Heim boten.”

1911 zählte Heye 400, 1925 918 Einwohner. Mit der 1950 erfolgten Bildung der Braunkohlewerke (BKW) erfolgte die Umbenennung von Brikettfabrik und Ort in "Heide”. Bis Kriegsende und noch einige Jahre danach wohnten in Heye/Heide ausschließlich Bergleute. Mit der sich vollziehenden Entwicklung in der DDR gingen ihre Kinder zunehmend aus dem Heimatdorf weg. Spätestens nach der Lehre, Armeezeit, Studium brauchte der Aufbau großer Industrien in Schwarze Pumpe, Eisenhüttenstadt, Rostock und andernorts junge, hochmotivierte Fachleute, die in der Fremde auch heirateten. Und so verloren sich die meisten der "Kinder von Heye” zunächst aus den Augen.

Kontakte neu geknüpftAuch Manfred Berger zog 1962 von Heide weg. Für ihn ging es nach Großräschen. Hier entstand ein neues Zentrum des Braunkohlebergbaus. Er hatte 24 Jahre später mit vier Gleichgesinnten die Idee, die "Kinder von Heye” wieder ausfindig zu machen. Zum ersten Treffen kamen nur wenige, jetzt sind es immer 40 bis 50 Teilnehmer.

Sie kommen aus Jena, Gera, Berlin, Eisenhüttenstadt und Rostock. Harald Wähner wohnt in der Schweiz. Weil er erst vor zwei Wochen zum Klassentreffen nach Wiednitz gekommen war, konnte er dieses Mal nicht beim "Heyetreffen” dabei sein. Zwei heutige Ehepaare, die sich schon als Kinder beim Spielen im Sandkasten von Heye mochten, sind Inge und Dieter Dreißig sowie Christel und Uwe Beil. Christel Beil, die Familie wohnt in Jena, führt die Chronik von Heye und ihren Kindern. Das Riesenalbum ist eine Fleißarbeit und reicht von 1910 bis heute. Noch immer ist Platz für Ergänzungen: "Jedes Jahr tauchen neue Fotos und Dokumente von der einstigen Werkskolonie und der Brikettfabrik auf”, meint Christel Beil. In der Chronik wird auch an diejenigen erinnert, die nicht mehr dabei sein können. Für sie schreibt Gerhard Reiss aus Eisenhüttenstadt die Nachrufe.

Beim gemütlichen Beisammensein am Samstag gingen die Chronik und die mittlerweile prall gefüllte Pressemappe wieder von Hand zu Hand. Dazu wurde ein Videofilm über die Brikettfabrik gezeigt. Mancher wischte sich die Tränen aus den Augen, als er den letzten Kohlezug in den Bunker fahren und die späteren Schornsteinsprengungen sah. Die Geschichte kann niemand zurückdrehen. Sie ist aber in Heye/Heide dank der einstigen Kinder nicht vergessen, sondern sehr gut und lebendig aufbewahrt. So soll es auch zukünftig bleiben.