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Das „letzte Mal“ ist nicht unbedingt wörtlich zu nehmen

Sich einmal im Jahr in den trotzigen Schick der 20er-Jahre hüllen zu können, das ist die Formel, die jedes Jahr Jung und Alt zur Prohibitionsparty in die Kulturfabrik treibt.
Sich einmal im Jahr in den trotzigen Schick der 20er-Jahre hüllen zu können, das ist die Formel, die jedes Jahr Jung und Alt zur Prohibitionsparty in die Kulturfabrik treibt. FOTO: Mandy Decker
Hoyerswerda. Ein gewohnt ausverkauftes Haus, der dekadente Charme der 20er-Jahre und die Hoffnung auf die Fortsetzung des beliebtesten Partyklassikers von Hoyerswerda haben die traditionelle Prohibitionsparty der Kulturfabrik bestimmt. Mandy Decker

Samstagabend in einem verkommenen Außenrevier von Hoyerswerda: Ungewöhnlich schöne Menschen tummeln sich in der kühlen Atmosphäre einer krisengebeutelten Zeit. Sie sind übrig geblieben in einem großen Krieg und geben sich getrieben von einer Ahnung der Endlichkeit dem hemmungslosen Genuss hin. Stolz tragen lasziv schmollende Modells aus Fang und Beifang der morgendlich eingeholten Fischernetze kreierte Mode über einen Planken schwankenden Laufsteg. Der Geruch von Verderblichkeit liegt in der fischlastigen Luft. Nur der beißende Duft desinfizierenden Alkohols beruhigt die hungrige Menge. Doch der hochprozentige Promillehahn soll zugedreht werden. Nur die Feier-Enklave hier, im fernen Alaska, scheint noch Zuflucht für eine verwerfliche Dekadenz der Ablenkung zu bieten. Schon morgen früh kann alles vorbei sein.

Höhepunkt im Kalender

Es ist März. Und wie in jedem März lädt die Kulturfabrik zur Prohibitionsparty. Für viele Gäste ist das Fest, das gleich nach dem Karneval steigt und doch so wenig karnevalistisch ist, der kulturelle Höhepunkt im städtischen Kulturkalender. Doch im Jahr des geplanten Umzugs des soziokulturellen Zentrums in das im Bau befindliche Haus im Altstadtkern liegt die Stimmung eines traurigen Finales über der Zwischenbelegung. "Ich könnte gerade wieder weinen", klagt Linda Krause. Die 23-Jährige, die sich zum dritten Mal für die 20er-Jahre-Party herausgeputzt hat, ist im vergangenen Jahr nach Berlin gezogen. "Die Prohi ist das Beste im ganzen Jahr und die Gelegenheit, die uns alle zusammenbringt", erklärt die junge Frau und erfährt die Zustimmung ihrer Freundinnen Anne Proft und Anne-Katrin Werner. Monatelang bereiten die Drei ihre Outfits vor. Ihr Tenor ist klar. Die letzte Prohi kann das schon sein. Aber: "Hier, in der alten Location, oder?" stellt Anne Proft die Frage in den Raum, die die Gespräche unter den funkelnden Deckenleuchtern bestimmt.

Solveig und Lutz Schöppen thau erinnern sich an die früheren Zeiten, als die Party noch ein Geheimtipp war. Seither habe sich das Projekt zu einem bemerkenswerten Anziehungspunkt entwickelt. Das Ehepaar regt den Mut zur Fortsetzung des Unternehmens Zeitreise auch im neuen Domizil an. Warum die Veranstalter in der "Braugasse" keine Zukunft für das Projekt sehen sollten, ist ihnen nicht klar. Sicher, "das hier ist die richtige Kaschemme mit genau dem verruchten Boden, den man für ein solches Thema braucht", findet Lutz Schöppenthau. Aber man könne ja im neuen Gebäude auch etwas anderes aufziehen. Die 70er-Jahre oder der Rock'n'Roll könnten dann im Mittelpunkt stehen. Fakt ist, die Hoyerswerdaer und ihre Gäste von auswärts möchten auf ihre Prohi-Party nicht verzichten. "Die Party ist wichtig für die Stadt und die Gesellschaft gerade hier in Hoyerswerda", findet der zugezogene Amerikaner Christopher Spencer.

Kufa-Geschäftsführer Uwe Proksch kann sich ein schelmisches Schmunzeln nicht verkneifen. "Die sollen das Mal alle nicht so ernst nehmen. Irgendwie geht es immer weiter", flüstert der elegante Gentleman im cremefarbenen Frack. Doch zunächst freuen sich die Organisatoren und Helfer auf die zweite Auflage der diesjährigen Alaska-Party am kommenden Wochenende. mdr1

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