| 02:48 Uhr

Das Kain-Abel Syndrom

Gleich am Anfang der Bibel wird uns die Geschichte erzählt, in der der Kain, seinen Bruder Abel erschlägt. War es Eifersucht, weil Gott die Spende von Abel annahm, die von Kain aber verweigerte? Oder war es von vornherein die falsche Kollekte? Denn Kain war ein Ackerbauer und Abel ein Schafhirte.

Wollte Gott lieber ein fettes Schaf und nicht die Rüben von Kains Feld?

Mehrere Gründe sind für diesen Brudermord vorstellbar. Das Hauptmotiv allerdings wurde von Johannes, einem Schüler von Jesus, Tausende Jahre später genannt: "Kain ermordete seinen Bruder, weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht" (1. Johannes 3,12).

Dieses Motiv ist ein Dauerbrenner. Man könnte es auch das Kain-Abel Syndrom nennen. Wenn man etwas tut, was nicht in Ordnung ist, dann bleibt man gewöhnlich cool, solange es viele so machen. Aber wehe, wenn man Lumpen in den nächsten Wald schmeißt und ein Bekannter fährt vorbei, der seinen Kleiderabfall in der Annahmestelle gegen ein paar Euro entsorgt. Dann reagiert man gewöhnlich giftig.

Tausend Lügen machen kein schlechtes Gewissen. Doch wenn da einer ist, der laufend die Wahrheit sagt, dann fühlt man sich plötzlich angegriffen.

Nun kann man sich vorstellen, dass jemand, der durch sein Leben das Unrecht anderer zum Vorschein bringt, es nicht gerade leicht hat. Abel wurde deswegen sogar umgebracht. Auch den Kindern Abels geht es heute oft nicht besser. Alle, deren Bruder das Unrecht ist, werden die Abels meiden und alles tun, damit diese zu Fall kommen. Das ist der Preis, der für ein anständiges Leben zu zahlen ist. Aber der ist es wert. Denn ihnen wird die Anerkennung vieler Menschen zufallen, wenn dies auch manchmal nur schweigend geschieht. Was aber ungleich schwerer wiegt ist, dass Gott die Spenden der Abels annimmt, was so viel heißt, dass er früher oder später seinen Segen über ihr Leben ausschütten wird.