Auch wenn es diesen Frieden, diese „heile Welt“ nie gegeben hat, heute nicht und nicht in der „guten alten Zeit“ , und auch nicht damals vor 2000 Jahren bei der Geburt Jesu im Stall zu Bethlehem. Auf Grund einer finanzwirtschaftlichen Anordnung des römischen Kaisers Augustus müssen Josef und Maria von Nazareth übers Gebirge nach Bethlehem. Eine beschwerliche Reise, denn Maria ist hochschwanger. Am Ziel ihrer Reise angekommen, hat man für sie keinen Platz. Ein Stall, eine Felsgrotte, bietet ihnen etwas Obdach. Mitten in dieser Welt, ohne Frieden, ohne Geborgenheit, ohne Nächstenliebe, ohne Barmherzigkeit, in eine unheile Welt wird Jesus geboren.
Es geht von dieser Geschichte etwas aus, wie sonst von kaum einer anderen. Und wenn es so eine Art Waffenstillstand ist, im wörtlichen Sinne bei Krieg führenden Parteien oder im übertragenen Sinne in den Familien. Wir sind in diesen Tagen alle netter zueinander, wünschen uns frohe und gesegnete Feiertage, je nachdem, schreiben uns Karten und Briefe, beschenken uns gegenseitig, denken auch an die Hungernden und Notleidenden - so als wollten wir vielleicht etwas wieder gutmachen, woran wir es im übrigen Jahr etwas fehlen ließen. Vielleicht gehört dazu auch der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes. In der Mitte dieser Geschichte - da, wo wir im Stall an der Krippe sind - da sind wir selbst wie neugeboren, wenn alle Kälte des Herzens und all das, was Leben vereint und zerstört, gebrochen ist. Es ist eine Friede da in dem Stall, an diesem Kind.
Und ich glaube, das ist das Geheimnis der Heiligen Nacht: Das Kind macht uns, indem es sich uns „ausliefert“ menschlich, so menschlich wie Gott uns gewollt hat - so achtsam bewahrend und liebevoll behütend, wach und vorsichtig, so sehnsüchtig nach geheilter Welt und voller Sehnsucht nach echtem, tragfähigem Frieden.
Darum geschehen Begegnungen in dieser Nacht. Die Hirten gehen los, finden und schauen und kommen an der Krippe zur Ruhe, kommen an der Krippe zur Anbetung.
Und weil sich an dieser Krippe Friede ausbreitet, der Friede, der in Gottes Liebe geboren ist, darum wird eigentlich nichts gesprochen und doch viel gesagt: Wie wichtig bist du, Hirte, Gott, wie wichtig bist du, der du mit dieser Geschichte angesprochen wirst. Denn dir, denn euch ist dieses Kind geboren. Und die, die an der Krippe stehen, sehen dieses Kind. Unsere romantischen Weihnachtslieder und die meisten Maler verdrängen etwas die nüchterne Realität dieser Geburt da in dem armseligen Stall. Da gibt es keine Wiege, kein warmes Kinderbett. Die Futterkrippe ist sein Lager. Dieses Kind ist wie jedes andere schwach, winzig und wehrlos. Gott wird nicht niedlich und süß, sondern hilflos und ohnmächtig wie ein Kind. Wenn uns eines unterscheidet von anderen Religionen, dann die Rede von Gott in Windeln gewickelt und in einer Futterkrippe liegend. Und doch liegt gerade darin das Geheimnis Gottes: Gott, der mir so begegnet, will mich nicht einschüchter n, der will mir Freude bereiten, indem er ganz menschlich an meine Seite tritt und all das erlebt und erleidet, was ich erlebe und erleide.
Und mit den Hirten können wir spüren, wie dieses Licht sich ausbreitet, weil wir allmählich verstehen: So kommt Gott zu uns, so in unser Leben, dass er es mit uns teilt. Und da ahnen wir: Keine Nacht muss mehr dunkel sein und bleiben. Es ist nicht alles anders, wenn wir weggehen von der Krippe. Die grellen Lichter der Tagespolitik im Großen und Kleinen werden uns wieder blenden, die Kälte der Gesellschaft werden wir wieder spüren, die Wirklichkeit wird uns einholen, Leid und Not werden wir begegnen. Und doch ist alles anders, denn wir gehen weiter mit diesem hellen Schein im Herzen, den das Kind in der Krippe entzündet hat. Und dieses Kind geht mit und seine tiefe Liebe. Das Kind hilft uns, alles zu sehen, was wir sehen müssen, und doch nicht zu verzagen. Es hilft, einander zu begegnen und nicht zu verachten. Denn von ihm heißt es, dass er der Friede ist, ein Friede, der geboren werden will in uns, ein Friede darum, der uns neu geboren sein lässt.
Diese Geschichte der Geburt Jesu im Stall zu Bethlehem hören und im Herzen bewegen, das ist das Geschenk der Weihnacht, das uns auch heute wieder begegnet: Uns ist heute der Heiland geboren. Ehre Sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.