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| 02:40 Uhr

"Das fühlt sich nicht wie Arbeit an"

Jede Menge Gewusel im Spielzimmer: Die Ehrenamtlerin Stefanie Somogyi betreut seit einem Jahr zweimal pro Woche Flüchtlingskinder im Wohnheim in der Müntzerstraße in Hoyerswerda. Demnächst möchte sie auch eine Patenschaft für eine Familie übernehmen.
Jede Menge Gewusel im Spielzimmer: Die Ehrenamtlerin Stefanie Somogyi betreut seit einem Jahr zweimal pro Woche Flüchtlingskinder im Wohnheim in der Müntzerstraße in Hoyerswerda. Demnächst möchte sie auch eine Patenschaft für eine Familie übernehmen. FOTO: ahu
Hoyerswerda. Sie haben im zu Ende gegangenen Jahr für positive Schlagzeilen gesorgt – oder auch ganz im Stillen ein großartiges Vorhaben zu Ende gebracht, mutige Entscheidungen getroffen oder tolle Erfolge erzielt. Die RUNDSCHAU stellt solche "Menschen 2016" vor. Heute: Stefanie Somogyi. Die Ehrenamtlerin betreut Flüchtlingskinder in einem Hoyerswerdaer Wohnheim. Anja Hummel

Gut ein Jahr ist es her, als Stefanie Somogyi ein kleines Info-Blättchen in die Hände flatterte: Das Bürgerbündnis "Hoyerswerda hilft mit Herz" war schon damals auf der Suche nach ehrenamtlichen Mitarbeitern. "Ich habe mich daraufhin gemeldet, denn ich wollte gerne mit Kindern arbeiten", erinnert sich die 65-Jährige.

So kam es, dass sie im Januar 2016 mit anpackte, als das Spielzimmer im Wohnheim in der Thomas-Müntzer-Straße eingerichtet wurde. Seitdem öffnet Stefanie Somogyi zweimal pro Woche die Tür zum bunten Spieleparadies, um den Flüchtlingskindern freudige Momente zu schenken und sie gleichzeitig ihre vielen unschönen Erlebnisse vergessen zu lassen.

"Für mich fühlt sich das nicht wie Arbeit an", sagt die gebürtige Sprembergerin, während ein Dutzend Kinder aus Syrien, Afghanistan, Georgien und Indien herumtobt, bastelt oder Bauklötze stapelt. "Ich habe einfach ein richtig gutes Gefühl bei dem, was ich mache", sagt die gelernte Sekretärin. "Obwohl es auch mal stressig sein kann, wenn die verschiedenen Nationalitäten aufeinanderprallen", gesteht sie. Aber einen Arzt musste sie wegen Raufereien noch nicht rufen. "Wir haben also alles unter Kontrolle", sagt Stefanie Somogyi mit einem Lächeln im Gesicht.

Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt betreut sie die fünf- bis zwölfjährigen Flüchtlingskinder. Dieses Mal werden sie ausnahmsweise auch von Enkeltochter Anna Somogyi unterstützt. Die 17-Jährige macht gerade ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kindergarten und wollte sich einfach mal anschauen, wofür sich ihre Oma so sehr ins Zeug legt. "Vor ihrem Engagement habe ich großen Respekt", sagt die junge Hoyerswerdaerin. Sie spürt, dass es "Oma glücklich macht".

Doch nicht nur, weil Stefanie Somogyis eigene Enkelkinder mittlerweile groß sind und keine Aufpasserin mehr brauchen, hat sie sich nach einer sinnvollen Beschäftigung gesehnt. Vor fünf Jahren verabschiedete sie sich in den Ruhestand und wollte "nicht nur zu Hause auf der Couch sitzen".

Neben ihrem Engagement im Spielzimmer betreute sie außerdem ein ganzes Jahr über eine junge irakische Frau und ihre Söhne. Als ihre Patin hat sie gemeinsam mit ihnen Behördengänge erledigt oder auf die Jungs aufgepasst. "Die Mutter hat in Hoyerswerda ein weiteres Kind bekommen. Auch dabei habe ich sie begleitet", erzählt Stefanie Somogyi. Vor wenigen Wochen ging die junge Familie nach Berlin. Darüber ist die Hoyerswerdaerin traurig, "aber damit muss man nun mal klarkommen".

Das Abschiednehmen zählt für die alleinstehende Frau zu den schwersten Momenten ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. So musste sie schon hilflos mit ansehen, wie eines ihrer "Spielzimmer-Schützlinge", ein zweijähriges Mädchen, mit der Familie über Nacht ausgewiesen wurde.

Die bescheidene Frau spürt, dass viele der Kinder Schlimmes erlebt haben müssen. "Aber ich habe noch nie nachgehakt", sagt die Rentnerin. Beim Spielen mit den gespendeten Sachen machen sich da auch mal Verlustängste bemerkbar. So passiert es manchmal, dass Stefanie Somogyi das ein oder andere Kind aus dem Spielzimmer schicken muss. "Es gibt eben Kinder, die immer wieder stören und Ärger machen", sagt sie. So wie überall anders eben auch.

Dass es insgesamt aber "ziemlich laut" ist, bemerkt auch Enkeltochter Anna. Ihre Oma vermutet, dass die Kinder es wohl gewohnt sind, sich zu behaupten. "Wahrscheinlich machen sie das auf dem verbalen Weg." Doch trotz des hohen Lärmpegels und einiger stressiger Momente: "Wenn die Kinder angerannt kommen, mich umarmen und aus sich rauskommen, ist das ein unbeschreiblich schönes Gefühl", sagt Stefanie Somogyi, die auch im neuen Jahr weiterhin als Ehrenamtliche für das Spielzimmer im Wohnheim zuständig sein möchte.

"Außerdem habe ich eine neue Familie im Auge", plant sie schon weiter voraus. Es ist eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern. "Man muss so eine Familie einfach kennenlernen und merken, dass es für eine Patenschaft passt", sagt sie aus Erfahrung. Sie hält ihr Handy in der Hand und zeigt ein Bild von ihnen, während ihre Augen vor lauter Freude nur so strahlen.

Zum Thema:
Das Bürgerbündnis "Hoyerswerda hilft mit Herz" ist im November 2013 im Martin-Luther-King-Haus gegründet worden. Die Initiative aus Bürgern und Unternehmern Hoyerswerdas versteht sich als Unterstützer von Geflüchteten und möchte Toleranz und Völkerverständigung fördern. Derzeit besteht das Bürgerbündnis aus etwa 100 Mitgliedern. Jeder, der helfen möchte, ist herzlich willkommen - ob bei der Kinderbetreuung in den Wohnheimen, der Sachspenden-Ausgabe und -koordination oder bei einer Patenschaft für eine Familie oder Alleinreisende. Wer sich wie Stefanie Somogyi ehrenamtlich engagieren möchte, kann sich beim Hoyerswerdaer Bürgerbündnis unter Telefon 03571 6099905 oder via E-Mail unter bb-hoy-hilft@t-online.de melden. Geöffnet hat das Bürgerbüro in der Dillinger Straße dienstags von 14 bis 16 Uhr.