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| 18:25 Uhr

CVJM Hoyerswerda
Jugendhilfe steht vor der Haustür

 Seit 2013 ist Silvana Zimmerhackel als Ehrenamtliche im CVJM-Team. Sie bastelt und spielt mit den Kids – und vor allem hört sie ihnen zu.
Seit 2013 ist Silvana Zimmerhackel als Ehrenamtliche im CVJM-Team. Sie bastelt und spielt mit den Kids – und vor allem hört sie ihnen zu. FOTO: LR / Anja Hummel
Die Arbeit mit Hoyerswerdas Nachwuchs bringt die Probleme einer Generation ans Tageslicht: überfordert, ausgegrenzt und desinteressiert. Von Anja Hummel

Früher war sie Floristin, heute macht sie mobile Jugendarbeit. Unbezahlt. Silvana Zimmerhackel hält einen Basketball in den Händen, steht vor einem bunt bemalten Bauwagen. Davor steht ein Tisch mit Bastelutensilien. „Aber die Kids spielen lieber Fußball. Fast immer“, bemerkt die 37-jährige Ehrenamtlerin. Auf dem Bolzplatz neben dem Bauwagen ist Action. Zwölf Kinder rennen, schreien, lachen. Mittendrin: Irene Kerber. Heute ist sie die Torfrau.

Auch sonst laufen bei ihr die Fäden zusammen. Seit gut 18 Jahren leitet sie den Christlichen Verein junger Menschen, kurz CVJM, in Hoyerswerda. Ihr Job: mobile Jugendarbeit. „Wir schaffen einen Raum, in dem sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen, sich selbst und andere akzeptieren und wo sie gefördert werden“, erklärt Irene Kerber. Als eine Art „Spielwelt im Freizeitbereich“ beschreibt sie das Angebot. Das Besondere: „Wir sind draußen unterwegs. Wir gehen vor die Haustür der Kinder. Erst dort erreichen wir sie wirklich“, erzählt die 49-Jährige. Natürlich sei das anstrengender als in einemHaus zu sitzen, die Tür aufzuhalten und den Kindern zu sagen: „Kommt doch vorbei.“

Aber: „Mit der mobilen Arbeit sind wir bei dem Klientel gelandet, das uns wirklich braucht“, sagt Irene Kerber. Sie mag es nicht so recht aussprechen, von welchem „Klientel“ sie da redet. „Die Arbeit ist schon eine große Herausforderung. Aber der Umgang wird immer respektvoller“, sagt die Hoyerswerdaerin. Wie alt die Kinder sind, die das Angebot nutzen? Vom Vorschulalter bis zum 14. Lebensjahr, weiß die CVJM-Leiterin. Etwa 60 Kinder nutzen die Angebote derzeit. Dreimal pro Woche sind sie von dienstags bis donnerstags draußen unterwegs (siehe Infobox). In den Ferien gibt es spezielle Angebote. „Wir wollen typische Verhaltensweisen durchbrechen, ihnen zeigen, wie sie Konflikten begegnen“, erzählt Irene Kerber, die liebevoll von ihren „Krawalljungs“ spricht. Erstmal durchatmen, nicht gleich ausrasten – das sei für viele der Kinder nicht so einfach umzusetzen. „Aber so wie sie uns Respekt zollen, machen wir das auch umgekerht.“ Was Irene Kerber meint: „Wenn sie mit uns reden, hören wir ihnen zu. Wir fragen sie, wie es ihnen geht.“ Das sei viel wert. Viele seien solche Fragen nicht gewohnt. Dann erzählen die Jugendlichen auch mal von ihren Problemen. „Die Schule ist einfach eine große Herausforderung für viele. Ausgrenzung durch Lehrer und Schüler, hohe Lernanforderungen. Da sammelt sich Wut“, weiß die Sozialarbeiterin. Auch Alltagsrassismus sei Thema auf dem Spielplatz. Dann leistet sie Aufklärungsarbeit zwischen Fußballtor und Basteltisch. Sie selbst fühlt sich vor allem dazu berufen, die Jungen und Mädchen in ihren Zielen zu bestärken, sie nicht auf ihre Schwächen zu reduzieren, ihnen ein positives Selbstwertgefühl zu vermitteln.

Einfach sei das nicht, schließlich sind die Frauen mit ihrer mobilen Arbeit, die vom Jugendamt finanziert wird, gerade mal zu zweit. „Wir suchen schon seit langem eine Sozialpädagogin“, sagt Irene Kerber, die momentan voll im Umzugsstress ist. Vom etwas abseits gelegenen WK 10 ist der Verein in die Hoyerswerdaer Neustadt, ins Einsteinhaus, gezogen. Obwohl noch nicht mal alle Umzugskartons ausgepackt sind, ist klar: „Hier im Zentrum birgt sich eine große Chance, noch mehr Kinder zu erreichen“, sagt Kerber. Die Zahl der „Tagesbesucher“ ist auffällig angestiegen. Das freut auch Silvana Zimmerhackel. Die Hoyerswerdaerin hatte schon immer den Wunsch, mit Kindern zu arbeiten. Doch noch einmal drei Jahre die Schulbank drücken, das konnte sie sich nicht vorstellen. Für die ehrenamtliche mobile Jugendarbeit musste sie das auch nicht – den Jugendlichen zuhören und ihnen ein gutes Gefühl geben, dafür braucht sie keinen Ausbildungsschein.

 Irene Kerber und Praktikant Jonas Bösser aus Kassel bereiten umzingelt von Umzugskisten den Bastelnachmittag in Lauta vor.
Irene Kerber und Praktikant Jonas Bösser aus Kassel bereiten umzingelt von Umzugskisten den Bastelnachmittag in Lauta vor. FOTO: LR / Anja Hummel