Alle Gottesdienste über Ostern wurden gestrichen. Die Altarkerzen im Kirchsaal vom Martin-Luther-King-Haus will Jörg Michel (55), Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda Neustadt, über Ostern aber trotzdem anzünden. Und aus den Lautsprecherboxen soll geistliche Musik zur spirituellen Einkehr erklingen.

Hoyerswerdaer Pfarrer hält den Kirchsaal offen

„Jeder kann für eine Zeit der Stille herkommen“, sagt Pfarrer Michel. Auf einem Tisch im Kirchsaal liegen Anregungen zum Lesen und Mitnehmen aus, darunter neben der Bergpredigt auch Psalme und Gebetstexte rund um das Osterfest. Auch zum Reden sei immer jemand da, entweder jemand von der Gemeindeleitung oder der Pfarrer persönlich.

Bislang hätten aber nur wenige diese Möglichkeit genutzt. „Ich habe den Eindruck, dass die Leute zurzeit eher mit sich selbst beschäftigt sind“, berichtet er. Und diejenigen, die sich her verirren, seien verblüfft, dass doch noch etwas offen hat. Fragen zu religiösen Themen oder gar dem Tod seien momentan aber kaum präsent. Stattdessen fürchten sich die Leute.

Hoyerswerdaer Pfarrer spürt die Verunsicherung der Menschen

„Die Angst nehme ich im persönlichen Gespräch wahr“, sagt Pfarrer Michel. Die Ablenkung fehlt, und die Pseudo-Sicherheiten zerplatzen wir Seifenblasen. Man könne eben nicht allen Widrigkeiten des Lebens mit einer Versicherung trotzen. Zum Hinschauen gezwungen, offenbare sich nun vieles als Irrglauben.

„Montagabends zum Beispiel der Kirchenchor war immer gesetzt“, erzählt er. Die Geselligkeit, Begegnungen und sozialen Kontakte bestimmten bislang die Tagesstruktur. Doch plötzlich seien die Menschen existenziell auf sich selbst geworfen – und reagieren ganz unterschiedlich.

Wie die Medien berichten, kämpfen einige wirtschaftlich in Not geratene ums Überleben, andere hamstern oder wittern die Gunst der Stunde und verkaufen überteuerte Atemmasken. Und diejenigen, die sonst mit ihrer Botschaft nicht ankommen, predigen den Tag des jüngsten Gerichts.

Hoyerswerdaer Pfarrer sieht die Coronakrise auch als Chance

„Solche Endzeitängste haben aber nichts mit dem christlichen Glauben zu tun, wie ich ihn verstehe“, stellt Pfarrer Michel klar. Aus seiner Sicht lassen sich nun Weisheiten gewinnen. Zur Frage, was im Leben wirklich wichtig ist, könne jetzt jeder eine Prioritätenliste erstellen. Ganz oben bei Pfarrer Michel stehen die Stille und das Innehalten. Sein Wunsch, in der Fastenzeit mal auf Stress zu verzichten, ging nun in Erfüllung.

Die aufgezwungene Auszeit empfindet er als Geschenk. Schon in der Vergangenheit habe er für seine zwei Söhne Erziehungszeiten über insgesamt vier Jahre genommen. Danach konnte er bestimmten „Arbeitsbergen“ klüger begegnen. Man müsse die aktuelle Situation annehmen wie sie ist. Zugleich dürfe man die wirtschaftlichen Folgen nicht ignorieren.

Pfarrer aus Hoyerswerda plädiert für Nächstenliebe statt Jammerei

„Ich denke, uns geht es noch ganz gut.“ Diese Erkenntnis hatte Pfarrer Michel vor wenigen Tagen während eines kurzen Stromausfalls. Währenddessen habe er zuerst an den Campingkocher im Keller gedacht, und als Zweites an die Menschen im syrischen Idlib. „Dort leben sie unter ganz anderen Umständen und existenziellen Versorgungsnöten.“ Der Blick über den Tellerrand helfe gegen die Jammerei. Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und der Blick für die Schwächsten seien schließlich urchristliche Botschaften.

Wer jetzt als Christ Orientierung und Halt sucht, dem empfiehlt Jörg Michel das Gesangsbuch mit seinen Gebetsangeboten zu allen Lebenslagen für zu Hause. Vom Ehrgeiz, die Bibel von Anfang bis Ende zu lesen, würde er eher abraten. „Spätestens bei den jüdischen Speisegeboten im Alten Testament würde der Leser verhungern“, vermutet der Geistliche.

Alternativ könnten sich die Menschen auch die Andachten in Rundfunk und Fernsehen anhören. Viele öffentlich-rechtliche Sender bieten solche Formate wie das „Wort zum Tag“ an. Persönlich schwört der Gottesmann auf die Herrnhuter Losung. Das tägliche Bibelwort lese er immer morgens.

Veränderte Öffnungszeiten im King-Haus


Wie der Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda Neustadt, Jörg Michel, bestätigt, fallen die Ostergottesdienste im Martin-Luther-King-Haus dieses Jahr alle weg, auch die Abendmahle wurden gestrichen. Die staatlichen Regelungen seien eindeutig. Nichtsdestotrotz bleibe die Kirche während der Gottesdienstzeiten auf.

Ein Blatt mit den veränderten Öffnungszeiten hängt seit einigen Tagen im Schaukasten neben dem Eingang der Kirche in Hoyerswerdas Neustadt. „Für eine ‚stille Andacht’ ist das King-Haus jeden Sonntag 9.30 Uhr, Gründonnerstag 17 Uhr, Karfreitag und Ostermontag 9.30 Uhr für eine Stunde geöffnet“, steht in schwarzer Schrift auf lila Papier.

Das Büro sei ebenfalls weiterhin besetzt. Dienstags und donnerstags von 9 bis 12 und 15 bis 17.30 Uhr könnten seelsorgerische Gespräche oder auch Besuchswünsche angemeldet werden. „Unter Beachtung der vorgeschriebenen Bestimmungen besuche ich auch Leute zu Hause“, so Pfarrer Michel.

Das Kirchenbüro ist telefonisch unter 03571-972073 erreichbar, der Pfarrer unter -6041436. Anrufer sollen keine Scheu haben, auf den AB zu sprechen.