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| 17:28 Uhr

Starke Frauen im Handwerk
Meisterinnen ihres Fachs

 Die 39-jährige Orthopädie-Schuhmachermeisterin Claudia Mertsching aus Lohsa an der Ausputzmaschine.
Die 39-jährige Orthopädie-Schuhmachermeisterin Claudia Mertsching aus Lohsa an der Ausputzmaschine. FOTO: Anja Guhlan
Hoyerswerda.. Immer mehr Frauen üben ein Handwerk aus und ergreifen auch traditionell männliche Berufe, in denen sie sich selbstständig machen. Ein gutes Beispiel liefert Claudia Mertsching aus Lohsa. Von Anja Guhlan

Von wegen Männersache: Wer einem Handwerker begegnet, der rechnet meist mit einem kräftigen Mann. Dabei sind Frauen im Handwerk keine Ausnahme mehr. So steht Claudia Mertsching jeden Werktag in ihrer Orthopädie-Schuhmacherwerkstatt „Sidon“ in Lohsa und fertigt Maßschuhe an. Der Duft von Leder liegt in der Luft und der Raum dröhnt vom Lärm einer Ausputzmaschine. Doch Claudia Mertsching ist begeistert. „Ich liebe es, etwas Praktisches auszuüben. Mit den Händen etwas zu fertigen, ist das Größte“, sagt sie. Anstatt frisch lackierter Fingernägel, zeigen ihre Finger Stellen mit Hornhaut. Doch das macht der 39-Jährigen nichts aus. „Am Ende des Tages sehe ich, was ich geschaffen habe“, sagt sie.

Für Claudia Mertsching ist der eher männerdominierte Beruf des Orthopädie-Schuhmachers die Erfüllung. Das Handwerk wird weiblicher. Das belegt die aktuelle Betriebsstatistik vom Juni 2018 der Handwerkskammer Dresden, die auch den Kammerbezirk des Landkreises Bautzen umfasst: Frauen im Handwerk sind auf dem Vormarsch, so das Ergebnis der Statistik. Etwa 3500 der 17 300 Einzelunternehmen werden von Frauen geführt – das ist fast jedes fünfte Unternehmen. Damit hat sich der Wert in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdoppelt.

Für Claudia Mertsching eine positive Entwicklung. Sie begrüßt immer mehr Frauen im Handwerk. Deshalb hat sie sich auch bewusst dafür entschieden, eine Frau als Gesellin in ihrer Schuhwerkstatt einzustellen. Mit der 35-jährigen Eva Wetzlich ist die Firma „Orthopädie-Schuhtechnik Sidon“ nun gänzlich in weiblicher Hand. Beide sind motiviert, qualifiziert und selbstbewusst.Doch es gibt auch andere Momente: „Als wir einmal bei einer Fachmesse waren, um uns eine neue Ausputzmaschine zu kaufen, wurden wir an einem Stand als Unternehmer gar nicht wahrgenommen“, bedauert Claudia Mertsching. Eine Frau als Chef und dazu im Handwerk, das können sich manche Menschen immer noch nicht vorstellen. „Ganz egal, ob Mann oder Frau hinter der Werkbank steht – an der Werkbank wird dieselbe Arbeit verrichtet“, sagt die Handwerkerin bestimmt, die einen Schuh gerade an der Ausputzmaschine zurecht schleift. „Unser Beruf erfordert Kraft und Präzision“, sagt sie. Seit 16 Jahren arbeitet sie mit Erfolg in der Orthopädie-Schuhtechnik. Sie hatte einst das Unternehmen, das bereits seit 1870 existiert, von ihrem Großvater Horst Sidon übernommen. „Ich bin zwar quasi in den Beruf hineingewachsen, übe diesen aber mit sehr viel Leidenschaft aus“, erklärt die Orthopädie-Schuhmachermeisterin.

Unterschiede zu Männern, die den Beruf ausüben, erkennt sie erstmal nicht. „Vielleicht sind wir Frauen etwas emotionaler und haben manchmal einen anderen Blickwinkel auf die Dinge“, sagt sie. Tatsächlich haben laut einer KfW-Studie Frauen eine andere Motivation als Männer. Sie streben seltener den unternehmerischen Erfolg mit Wachstum und Profit an, sondern wollen zeitlich flexibel und zufrieden sein.

Auch Harriet Witschaß von der Glaswerkstatt „Bahrig“ aus Hoyerswerda hat diese Motivation. „Das Unternehmen muss funktionieren und ich möchte zufrieden sein“, sagt sie. Die 53-Jährige hat im Jahr 2004 den Familienbetrieb, der seit 1937 existiert, als Glasmeisterin übernommen. „Schon in meiner Gesellenzeit und in der Meisterklasse gab es nur zwei Frauen.“ Müsste sie sich heute nochmal für einen Beruf entscheiden, würde sie diesen männerdominierten Handwerksberuf nicht nochmal wählen. „Frauen gelangen mit ihren körperlichen Voraussetzungen oft an ihre Grenzen. Mir ist es oft nicht möglich, eine zwei mal zwei Meter lange Scheibe einzusetzen, da benötige ich meist die Hilfe meiner männlichen Mitarbeiter“, sagt sie. Die Arbeit im Glasbau ist hart und schwer. Nicht jede Frau sei dafür gemacht.

Doch ob nun Frau oder Mann sich im Handwerk engagiert, müsse laut Witschaß jeder für sich selbst entscheiden. Sie würde es schade finden, wenn das Handwerk, in dem sie gerne arbeitet, irgendwann aussterben würde. Es müssten also noch viel mehr Menschen alte Handwerksberufe erlernen.