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| 13:01 Uhr

Bildungspolitik
Chance ja, Allheilmittel nein

Diskutierten auf Einladung des DGB über den Lehrermangel: die bildungspolitischen Sprecher ihrer Landtagsfraktionen Petra Zais (Bündnis 90/Die Grünen), Sabine Friedel (SPD), Cornelia Falken (Die Linke) und Lothar Bienst (CDU, v.l.n.r.). Moderiert wurde die Diskussion von Ulrike Stansch (2.v.r.).
Diskutierten auf Einladung des DGB über den Lehrermangel: die bildungspolitischen Sprecher ihrer Landtagsfraktionen Petra Zais (Bündnis 90/Die Grünen), Sabine Friedel (SPD), Cornelia Falken (Die Linke) und Lothar Bienst (CDU, v.l.n.r.). Moderiert wurde die Diskussion von Ulrike Stansch (2.v.r.). FOTO: Uwe Menschner
Bautzen. Rettet der Seiteneinstieg das Schulsystem? Am Sinn daran, Quereinsteiger als Lehrer zu gewinnen, zweifelt kaum noch jemand. Die Ausgestaltung dieses Vorgehens, lässt aber noch zu wünschen übrig. Das machte eine Diskussion in Bautzen deutlich. Von Uwe Menschner

62 Prozent aller 2018 in Sachsen bisher neu eingestellten Lehrer sind Seiteneinsteiger. Im Bereich der Regionalstelle Bautzen des Landesamtes für Schule und Bildung liegt dieser Anteil sogar bei 80 Prozent. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies: 65 von 80 neuen Pädagogen an den Schulen der Landkreise Bautzen und Görlitz haben kein Lehramtsstudium absolviert.

Axel Gehrmann, Leiter der Lehrerausbildung an der TU Dresden, warnt allerdings davor, darin ausschließlich ein Problem zu sehen. „Bei den so genannten Seiteneinsteigern handelt es sich um berufs- und lebenserfahrene, hochmotivierte Persönlichkeiten, die unsere Schullandschaft bereichern können.“ Sie würden die Alterslücke zwischen der zahlenmäßig starken Lehrergeneration, die bald in Rente geht, und den sehr jungen Lehramtsabsolventen schließen. „Die zumeist 35- bis 50-jährigen Seiteneinsteiger sind familiär aus dem Gröbsten raus und stehen mit beiden Beinen fest im Leben“, so der Dresdner Hochschulprofessor.

Bei den an der vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Diskussionsrunde am Montagabend in Bautzen vertretenen bildungspolitischen Sprechern der sächsischen Landtagsfraktionen muss er für diese Sichtweise nicht lange werben. Auch Lothar Bienst (CDU), Sabine Friedel (SPD), Cornelia Falken (Die Linke) und Petra Zais (Bündnis 90/Die Grünen) sehen im flächendeckenden Einsatz von Seiteneinsteigern neben der Herausforderung auch eine Chance. An der Ausgestaltung jedoch reiben sich vor allem die Vertreterinnen der Oppositionsfraktionen.

„Der ein Vierteljahr dauernde Vorbereitungskurs ist viel zu kurz, er müsste mindestens ein halbes Jahr dauern. Und auch nach ihrem Einstieg in den Unterricht werden die Kollegen weitgehend allein gelassen“, moniert Cornelia Falken. Die für das Mentoring vorgesehene eine Stunde pro Woche sei viel zu wenig.

Petra Zais vermisst in Sachsen generell die nötige Wertschätzung für den Lehrerberuf und sieht darin – neben der demografischen Entwicklung – einen Hauptgrund für das mangelnde Interesse an ihm.

Sabine Friedel plädiert dafür, sich generell mehr für Neuerungen in der Lehrerausbildung zu öffnen: „Was spricht gegen das Lehramt in nur einem statt wie bisher generell in zwei Fächern?“

Und Lothar Bienst verweist darauf, dass auch das Potenzial für Seiteneinsteiger begrenzt sei und dass diese gut ausgebildeten Fachleute letztlich auch in der Wirtschaft fehlen. Fazit: Chance ja, Allheilmittel nein.

Für mindestens zehn Jahre, so Axel Gehrmann, werde sich die Situation in Sachsen so gestalten, dass viel zu wenig Lehramtsabsolventen die Hochschulen verlassen, um für den notwendigen Ersatz der Abgänge zu sorgen.

Leon Kuhnt, Schülersprecher der Oberschule Innenstadt in Görlitz, kennt auch die Kehrseite des Einsatzes von Seiteneinsteigern. „Sie werden sowohl von den Schülern als auch von den anderen Lehrern nicht für voll genommen und haben es schwer, Respekt zu erlangen.“ Probleme bei der Unterrichtsgestaltung gebe es oft in den Zweitfächern, die nicht der fachlichen Vorbildung entsprechen.

Diskussionsbeiträge aus den Reihen des Publikums legten nahe, dass es noch immer hohe Hürden für den Zugang zum Seiteneinstieg für den Lehrerberuf gibt. So berichtete eine Teilnehmerin, dass sie als anerkannte Ausbilderin mit IHK-Abschluss nicht als Lehrerin arbeiten dürfe, obwohl sie ganz genauso Klassen von Jugendlichen unterrichte. „Der Hochschulabschluss sollte Grundvoraussetzung für den Lehrerberuf bleiben. Das ist eine Linie, an der ich nicht rütteln möchte“, sagt dazu Grünen-Sprecherin Petra Zais. Und auch die Praxis, nur zu festen Terminen neue Lehrer einzustellen, wurde hinterfragt, ist laut Sabine Friedel aber nötig, um ein gesetzeskonformes Auswahlverfahren zu gewährleisten.