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| 17:18 Uhr

Zu viel Bürokratie
Bürokratie fördert das Gasthaus-Sterben

 Der Schaukasten ist leer: Seit Januar wird im Jägerhof nicht mehr gekocht und ausgeschenkt. Der alte Wirt ist weg, ein neuer wird dringend gesucht.
Der Schaukasten ist leer: Seit Januar wird im Jägerhof nicht mehr gekocht und ausgeschenkt. Der alte Wirt ist weg, ein neuer wird dringend gesucht. FOTO: LR / Anja Hummel
Bernsdorf. Ohne Nachwuchs keine Gastronomie: In Wiednitz steht der Jägerhof leer. Damit bricht der Gemeinde nicht nur der tägliche Mittagstisch weg. Das Gasthof-Sterben auf dem Land ist in Ostsachsen und im Lausitzer Seenland kein Einzelfall. Von Anja Hummel

Schweinegulasch mit Nudeln, Spinat mit Spiegeleiern und Möhreneintopf – das war einmal. Wer am Gasthaus Jägerhof in Wiednitz vorbeiläuft, den verleiten weder Bratenduft noch Kaffeearoma zur Einkehr. Im Gegenteil: Der Schaukasten an der Fassade ist leer, die Tür zum Wiednitzer Gasthaus fest verschlossen. Seit Anfang des Jahres hat der Jägerhof „wegen Geschäftsaufgabe“ geschlossen.

„Das hat auf jeden Fall Auswirkungen auf den Ort“, erklärt Gottfried Jurisch. 27 Jahre war er Bürgermeister von Wiednitz. Im 900-Seelen-Ort gibt es viele Vereine, viel Kultur, sagt er und nippt an seiner Kaffeetasse. „Die Gaststätte ist als Gemeindezentrum unverzichtbar.“

Ihm gegenüber sitzt Edeltraud Ritter. Als Ortsvorsteherin kann sie ihrem Vorgänger nur zustimmen. Vom Klassentreffen über die Weihnachtsfeier bis zur Beerdigung – die Gaststätte wurde für Zusammenkünfte jeglicher Art immer gut genutzt. „Jetzt ist es natürlich schwierig, jemanden herzubeten“, gibt die ehrenamtliche Ortsvorsteherin zu. Mit „jemandem“ meint sie einen Nachfolger von Jörg Nietsch. Der Wirt hat Ende vergangenen Jahres nach 15 Jahren den Schlussstrich gezogen. „Im Herzen fällt es mir schon schwer, von der Arbeit her eher nicht“, gesteht der 63-Jährige ganz offen. Ausgelaugt fühlt er sich, muss die Gaststätte aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

Die Situation in Wiednitz: kein Einzelfall. Das bestätigt Axel Klein. Der Chef des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Sachsen sagt: „In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Gaststätten im ländlichen Raum um bis zu 30 Prozent zurückgegangen.“ Der Hauptgrund: Die Wirte hören aus Altersgründen auf, der Nachwuchs bleibt aus. „Wir haben generell einen Fachkräftemangel“, sagt Klein. Aber in der Gastro-Branche komme hinzu: „Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht.“ Der Dehoga-Chef kritisiert: „Die Arbeit kann viel Spaß machen, aber wenn ich als Wirt zwei Tage pro Woche nur damit beschäftigt bin, Dokumente auszufüllen, ist das nicht mehr schön.“ Allergene, Datenschutz, Arbeitszeit – alles muss penibel niedergeschrieben werden. Was bei großen Systemgastronomien zentral geregelt wird, müssen die traditionellen Gasthäuser in mühsamer Kleinstarbeit zusammentragen. „Für viele ist das Geschäft dann nicht mehr lukrativ“, so der Dehoga-Chef. Für die Ortschaften ist das verheerend. „Die Gasthäuser sind ein Kulturgut, es geht nicht nur ums Essen und Trinken.“

Zurück in Wiednitz. Dass der Jägerhof auch hier bei den Bürgern stets mehr als eine abwechslungsreiche Mittagskarte zu bieten hatte, zeigt die Reaktion von Katrin Jetschick. „Allein an Weihnachten war der Jägerhof immer ein Anlaufpunkt für unsere Treffen.“ Die 47-Jährige ist in Wiednitz aufgewachsen, wohnt mittlerweile in Senftenberg. Sie fragt sich, ob die traditionellen Veranstaltungen nun auf der Strecke bleiben. Eine Frage, die sich auch Ortsvorsteherin Edeltraud Ritter längst gestellt hat. „Wir haben noch einen Versammlungsraum in der ersten Etage. Da kann auch gefeiert werden.“ Speis und Trank allerdings müsse von auswärts organisiert werden. Der leerstehende Jägerhof ist Teil des Wiednitzer Gemeindezentrums. Während die Gaststätte in der unteren Etage angesiedelt ist, befinden sich Verwaltung, Vereinsräume und Saal nur einige Treppenstufen entfernt davon. Edeltraut Ritter bestätigt: Gespräche mit potenziellen Nachwuchswirten werden geführt. Aber positive Neuigkeiten sind nicht zu vermelden. Verpächter ist die Stadt Bernsdorf.

Was mit dem Jägerhof-Ende auch passé ist: das Essen auf Rädern. Täglich haben Jörg Nietsch und sein Team Hausmannskost ausgeliefert. „Neben den Feiern und den Buffets sind die älteren Leute schon unser Hauptklientel“, erzählte Nietsch schon im Dezember. Neben Privathaushalten wurden auch Seniorenheime beliefert. Schließlich sei es schwierig, vor allem unter der Woche ein Abendgeschäft zu etablieren, so Nietsch.

Dehoga-Chef Axel Klein sieht in derartigen Zusammenschlüssen mit Kinderstagesstätten und Wohnheimen eine Zukunft für die Wirte auf dem Land. „Verschiedene Geschäftsmodelle unter einen Hut bringen, das wäre eine Möglichkeit für mehr Lukrativität.“ Aber, hebt Klein deutlich hervor: „Wenn ich auf dem Land Kultur und Kneipen möchte, dann muss ich die Gesetze ändern.“ Er fordert: „Kleinunternehmer müssen bürokratisch entlastet werden.“ Dann könnten Wirte endlich wieder Wirte sein.