Von rita Seyfert

„Karl May ist schuld“. Für Wolfgang Wagenknecht (82) ist der Fall klar. An dem Tag, als er zur Leseratte wurde, lag er im Garten auf einer Decke und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen, als ein Nachbar ein entliehenes Buch zurück brachte. Doch niemand öffnete ihm. Viele Jahre ist das nun schon her. „Lass mal da“, sagte der Junge damals. „Winnetou, Band eins“, so lautete der Titel.

Am Ende von Band drei, als Winnetou stirbt, habe er Tränen vergossen, erinnert er sich. Von da an las er kreuz und quer, was er in die Hände bekam. Von Kolonial-Geschichten über das Werk des Katechismus, also die Fibel für junge Christen, bis hin zu Inhalten, die er damals noch gar nicht begreifen konnte, weil ihm das Hintergrundwissen fehlte. Hauptsache lesen, so lautete sein Motto.

„Ab 1944 hatten wir keine Schule mehr, da war der Kopf frei“, erzählt der Rentner. Die Wirren des Krieges hatten ihn mit seiner Familie aus dem Riesengebirge nach Laubusch gebracht. Dort meldete er sich in der Werksbibliothek der Grube Erika an. Er las, und wenn er nicht las, dann half er in seiner Freizeit freiwillig beim Ausgeben der Bücher.

Das Geld für die Schule fehlte. „Wir waren drei Jungs, und wir hatten nichts außer Hunger“, erzählt er. Also lernte er nach der siebten Klasse Maurer. Sein Wissensdurst blieb. „Ich habe jede Gelegenheit zur Weiterbildung genutzt.“ Später holte er die Fachschulreife nach, absolvierte ein Bauingenieurstudium und wurde 1968 Leiter einer Hauptabteilung im ehemaligen BKW „John Schehr“, dem späteren BKK „Glück Auf“.

Fortan hatte er nur noch abends Zeit zum Lesen. „Manchmal musste ich mich losreißen, um meine Aufgaben zu erledigen“, erzählt er. Plötzlich hatte die Arbeit Priorität. Doch Lesen blieb eine schöne Ergänzung, und daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn sich die Themen über die Zeit immer wieder wandelten. Sicherlich steht Karl May heute nicht mehr auf Platz eins seiner persönlichen Bestseller-Liste. „Inzwischen suche ich nach Stoffen, die mir Entspannung und Unterhaltung bieten“, sagt er.

Dass sich die Lieblingslesestoffe im Laufe des Lebens ändern, davon ist auch Liane Kremser (22) überzeugt. „Harry Potter mochte ich in der 5. Klasse gar nicht, dafür drei Jahre später umso mehr“, sagt sie.

Ihre Leidenschaft für Bücher entdeckte sie schon früh. „Sobald ich das Alphabet konnte, war ich begeisterte Leserin“, erzählt sie. Endlich brauchte sie keinen Vorleser mehr. Nun hielt sie ihre Bücher lieber in den eigenen Händen.

Derzeit absolviert die junge Frau eine Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste in der Christian-Weise-Bibliothek in Zittau. „Ich versuche, so viele verschiedene Bücher wie möglich zu lesen und alle Bandbreiten abzudecken“, sagt sie. Ihr Ziel ist es, den Lesern möglichst viel Lektüre empfehlen zu können.

Persönlich interessieren sie vor allem Romane und Krimis. Seitdem sie in der Ausbildung steckt, kann sie ihrem Hobby aber immer erst abends frönen. „Wenigstens für eine Stunde, um vom Alltag abzuschalten“, sagt sie. Wenn ein Buch sie nicht fesselt, dann zwingt sie sich aber nicht. „Manche Bücher lese ich nur an.“

Auch Robert Brinckmann (21) vergräbt sich am liebsten in Romanen; derzeit hat er „Im Zeichen des Drachen“ von Tom Clancy am Wickel. Angemeldet ist er seit 2005. Damals interessierten ihn vor allem Filme und Familienspiele. Später lieh er sich auch Bücher für die Schule aus. Als er das Programmieren für sich entdeckte, waren die Fach­bücher seine besten Lehrmeister.

Momentan macht Robert Brinckmann sein Fachabitur in Gesundheit und Soziales am BSZ Konrad Zuse; während seines Praktikums für das Jugendprojekt Spurensuche in der Kufa griff er hin und wieder auch in das Regal mit den sorbischen Bänden. Und als junger Mensch auf der Suche nach Antworten auf die ganz großen Fragen des Lebens, bemüht er auch gerne die Lektüre der Ratgeber. Ansonsten bezeichnet er sich eher als den „Gelegenheitsleser“, wie er es nennt. „Ich lese meistens im Bus oder im Wartezimmer.“

Auch Erich Lalkov (30) widmet sich seinem Lese-Hobby eher zwischendurch, meist nach Feierabend oder im Urlaub. „Eine halbe Stunde reicht schon.“ In der Bibo seit 2002 angemeldet, sind es vor allem Spiel- und Musik-CDs, aber auch Kinderfilme und Kinderbücher für seinen sechsjährigen Sohn, die er ausleiht. Und für seine Weiterbildung zum Fachpfleger für Intensivmedizin und Anästhesie nimmt er auch gerne mal medizinische Fachbücher mit. Was ihm persönlich fehlt, sind Hörbücher, wie er sagt. Diesbezüglich will er jetzt mal einen Wunschzettel abgeben. Für Leserwünsche hat die Brigitte-Reimann-Bibliothek vor Ort nämlich eine Box eingerichtet.