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Bienenschwarm okkupiert Drahtesel

Das Fahrrad von Ingrid Schulz (79) aus Hoyerswerda ist von einem Bienenschwarm lahmgelegt worden.
Das Fahrrad von Ingrid Schulz (79) aus Hoyerswerda ist von einem Bienenschwarm lahmgelegt worden. FOTO: Henry Gbureck
Hoyerswerda. Die feindliche Übernahme ihres Drahtesels durch einen Bienenschwarm vor dem Lausitz Center Hoyerswerda hat Ingrid Schulz (79) zuerst schockiert, aber dann schnell fröhlich gestimmt. "Für eine Dreiviertelstunde hatte ich mein Rad, mit dem ich die meisten Wege erledige, korrekt abgestellt und meine Einkäufe erledigt", erzählt die Hoyerswerdaerin. Kathleen Weser

Dass das unspektakuläre, aber gut rollende Fahrrad der Marke Pegasus bei der Rückkehr aus dem Einkaufszentrum von Neugierigen bestaunt wurde, habe sie zunächst nur gewundert. "Ich habe erst auf den zweiten Blick gesehen, dass der Schwarm am Hinterrad dieses Interesse auf sich zog", erzählt sie lachend. Angst vor den Insekten kennt die Frau, die seit 1967 selbst leidenschaftliche Kleingärtnerin ist und auf der eigenen Scholle in der Zuse-Stadt vor allem die Blumen liebt, ausdrücklich nicht. "Im Gegenteil: Ich bedauere, dass die Bienen immer weniger werden", schildert sie die eigene Beobachtung. Mit dem ganzen Haufen, der ungebeten zur Mitfahrt aufgesattelt hatte, sei sie aber doch leicht überfordert gewesen. "Zum Glück ist ein sehr netter Feuerwehrmann von seiner Frau mit dem Einkaufszettel auf Tour geschickt worden", erzählt Ingrid Schulz weiter. Der Helfer in allen Lebenslagen sei nur deshalb vor Ort gewesen - und habe gehandelt. Die Feuerwehr ist angerückt, konnte aber nichts ausrichten. Das Schloss, mit dem das Zweirad natürlich gesichert war, "habe ich selbst gelöst", berichtet die couragierte Dame. Unter den ausgesprochen lieben Mitmenschen, die der 79-Jährigen zur Seite standen - wie sie selbst ausdrücklich lobt, ist zufällig auch ein Imker gewesen. "Er hat erklärt, dass derzeit Krankheiten in heimischen Bienenvölkern zu verzeichnen sind und deshalb kein Imker die ausgeschwärmten fleißigen Insekten holen wird", erzählt sie weiter. Schädlingsbekämpfer Wolfgang Schreiber hat den Schwarm deshalb beseitigt. Ingrid Schulz bedauert das. "Aber ich bin den Passanten und Helfern sehr dankbar für ihr beherztes Eingreifen", sagt die 79-Jährige.

Das Fahrrad-Phänomen erklärt Jürgen Jentsch, Artenschutz-Experte in Oberspreewald-Lausitz, so: Schwärmt ein Bienenvolk, fliegt zuerst die älteste und begattete Königin mit der Hälfte des Bienenvolkes aus dem Bienenstock. In der Regel folgen bei einem vorher starken Bienenvolk noch ein bis zwei Nachschwärme. Hierbei nimmt die rangnächste Königin wieder die Hälfte des noch verbliebenen Volkes mit. Aus mathematischen Gründen werden somit die Nachschwärme kleiner. Da die Königin lange nicht geflogen ist, macht sie nach kurzer Strecke schlapp und deshalb in der Nähe des Heimatstockes Station. Und alle mitfliegenden Bienen setzen sich um die Chefin. Nachdem die Königin sich erholt hat, fliegt der Schwarm weiter - meist noch am gleichen Tag. Frühestens nach zwei Tagen, die Bienen haben Futter für drei Tage im Magen, sucht sich der Schwarm eine neue Behausung, baut Waben und die ganze Chose beginnt von vorn. Am Ende der Volksentwicklung steht dann wieder die Schwärmerei oder der Herbst, da sollten dann die Waben voller Honig sein, um über den Winter zu kommen.

"Schwärme sind orientierungslos. Und deshalb kann es durchaus vorkommen, dass Frau Königin das Fahrrad für den Ast eines Strauches hält", erklärt Jürgen Jentsch. Ein Imker stellt gewöhnlich nur eine Schwarmkiste ohne Deckel unter die Bienen-Ansammlung, klopft mit der Hand auf den Ast - und alle Bienen samt der Königin fallen hinein. Gemäß Paragraf 961 des Bundesgesetzbuches darf er die Bienen mitnehmen. "Im Fall von Hoyerswerda hätte den Bienen die Chance gegeben werden sollen, nach dem Abschütteln vom Fahrrad weiterfliegen zu können", stellt Jürgen Jentsch fest.

Zum Thema:
Naturfreund Jürgen Jentsch aus Calau (Oberspreewald-Lausitz) ist dieser Tage wieder als Retter in der Spur. In Lindenau ist er zur Stelle gewesen, weil sich eine Familie von Wespen (Foto: Jentsch) bedroht gefühlt hat. In dem Fall völlig grundlos. Denn das Nest der Insekten ist hell. Das heißt: Hier ist die friedfertige Mittlere Wespe heimisch. Noch gemütlicher ist die Sächsische Wespe, die die Reproduktion Mitte Juli abgeschlossen hat und dann stirbt. Beide Arten gehen nicht auf süße Lebensmittel. Im Anflug auf den Kuchen sind indes die Deutsche und die Gemeine Wespe. Denn deren Nachwuchs ist jetzt auch schon gesichert, die Absterbephase der Insekten beginnt aber später. Bis September haben diese echten Wespen nun Zeit für den Flug zum Bäcker. Feldwespen, die in Kleinkoschen für Aufruhr gesorgt haben, sind übrigens auch nicht wild auf Süßes.