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Bevor Schüler ihr Kreuz setzen

Steve Bärwald (l.) gibt hier seinen Stimmzettel bei Wahlhelferin Charlotte in die Wahlurne. Zum Forum mit den sechs Kandidaten sagt er: "Ja, das hat mir was gebracht, die Politiker auch mal hautnah zu erleben und kennenzulernen."
Steve Bärwald (l.) gibt hier seinen Stimmzettel bei Wahlhelferin Charlotte in die Wahlurne. Zum Forum mit den sechs Kandidaten sagt er: "Ja, das hat mir was gebracht, die Politiker auch mal hautnah zu erleben und kennenzulernen." FOTO: cw
Hoyerswerda. Jens Bitzka aus Lauta steht ein breites Grinsen ins Gesicht geschrieben. Gerade eben ist der grüne Bundestags-Direktkandidat für den Wahlkreis 156 quasi zu einem der Wahlsieger bei der U 18-Bundestagswahl in Hoyerswerda gekürt worden. Catrin Würz

Für ihn stimmten exakt so viele Schüler ab wie auch für den CDU-Kandidaten Roland Ermer. Danach folgen die SPD-Kandidatin Uta Strewe, Linken-Kandidatin Caren Lay gleichauf mit dem AfD-Kandidaten Karsten Hilse. Nur die FDP mit ihrem Kandidaten Torsten Herbst kann bei den Kindern und Jugendlichen an diesem Nachmittag kaum Stimmen absahnen. Bei den Zweitstimmen liegt dagegen die Partei Die Linke klar vorn, deutlich vor CDU und allen anderen Parteien. So wünschen sich also Kinder und Jugendliche aus Hoyerswerda den politischen Kurswechsel.

Nun ja, das Ergebnis ist ganz sicher nicht repräsentativ - denn nur zwei Dutzend Schüler sind am Donnerstagnachmittag zur U 18-Wahl im Bürgerzentrum Braugasse 1 erschienen. Doch diese "Jung-Wähler" waren so gut vorbereitet wie wohl nur wenige am Wahltag es sein werden - denn sie hatten alle zur Wahl stehenden Kandidaten unmittelbar vorher kennengelernt und mit Fragen gelöchert.

Ein Angebot an junge Leute zur demokratischen Mitbestimmung nennt Nancy Hauke vom Regionalteam Hoyerswerda die Veranstaltung. Im Vorfeld hatte das Regionalteam in mehreren Schulen für die U 18-Wahlen geworben. "Wir haben mit den Schülern darüber geredet, warum es wichtig ist, sein Recht zu wählen auch auszuüben", erklärt die Sozialarbeiterin. Zum Regionalteam Hoyerswerda gehören der Internationale Bund (IB), die Evangelische Jugendarbeit Schwarzkollm und der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM).

Damit die jungen Menschen auch wissen, wen sie da eigentlich wählen können, hat das Regionalteam ein Wahlforum organisiert - und ist auf offene Ohren gestoßen. Alls sechs Direktkandidaten der Parteien aus dem Wahlkreis 156 haben zugesagt und sitzen am Donnerstag einvernehmlich im Podium - bereit, den Jugendlichen ihre Fragen zu beantworten. Und Fragen gibt es einige. Welche Eigenschaften sollte ein guter Politiker haben? Werde ich in 50 Jahren eigentlich noch eine Rente bekommen? Was wollen die Politiker dagegen tun, dass sich manche Familien heute nicht das tägliche Mittagessen für ihre Kinder in der Schule leisten können? Auch zur "Ehe für alle" und zur Legalisierung von Cannabis quetschen die Schüler die Parteienvertreter aus. Was steht dazu in eurem Wahlprogramm?

Jens Bitzka (Bündnis 90/Grüne), der sehr viel über die Energiewende in Deutschland und erneuerbare Energien erzählen muss, ist am Ende erstaunt über die couragierten Fragen der Jugendlichen. "Das zeigt, dass sie sich mit den Themen beschäftigt haben. Es gibt viele Veranstaltungen, wo die Erwachsenen viel komischere Fragen stellen", sagt er schmunzelnd. Caren Lay (Linke) erzählt den Schülern, wie sie ebenfalls schon als Jugendliche begann, sich einzumischen und Partei zu ergreifen. Mit 18 organisierte sie ihre erste Demo. Auch der FDP-Kandidat Torsten Herbst betont, dass es wichtig ist, junge Menschen früh an die Möglichkeiten demokratischer Mitbestimmung heranzuführen. "Deshalb war es auch klar, dass ich heute hier an diesem Wahlforum für Jugendliche teilnehme."

CDU-Direktkandidat Roland Ermer will vor allem seine praktischen Erfahrungen als Handwerksmeister in die große Politik mit einbringen. "An solchen Praktikern fehlt es etwas in Berlin", sagt der Bäckermeister. SPD-Kandidatin Uta Strewe geht besonders auf die "Mittagessen-Frage" ein und erläutert, was ihre Partei für mehr Gerechtigkeit - vor allem für Familien - tun will. Karsten Hilse, der für die Alternative für Deutschland (AfD) antritt und Polizist ist, muss einer jungen resoluten Fragestellerin beantworten, wie seine Partei das nun mit dem Burka-Verbot meint.

Am Ende der Veranstaltung sind sowohl die Schüler, aber wohl auch die Kandidaten alle ein bisschen schlauer, was jetzt zu tun ist. Die Schüler setzen ihre Erkenntnis dann sofort um: Sie machen ihr Kreuz auf einem Stimmzettel, wie ihn am 24. September auch alle über 18 Jahre bekommen.