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Berliner Filmemacher greift Ausschreitungen von 1991 auf

Filmemacher Thomas Kaske.
Filmemacher Thomas Kaske. FOTO: privat
Zum 27. Filmfest Dresden wird der Film "Dokument: Hoyerswerda Frontex" von Thomas Kaske Mitte April gezeigt. Das Video handelt von den Ausschreitungen im Jahr 1991. Dafür nutzte er Erinnerungsprotokolle von vier mosambikanischen Vertragsarbeitern. Im RUNDSCHAU-Interview erklärt der Regisseur, was er mit seiner Arbeit beim Publikum erreichen will.

Herr Kaske, warum haben Sie sich in Ihrer Videoarbeit ausgerechnet mit der Stadt Hoyerswerda beschäftigt?
Die rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 sind meiner Meinung nach als eine Art Sinnbild in das kollektive Gedächtnis eingegangen. CDU und andere Parteien haben mit dem "Asylproblem" 1990 Wahlkampf betrieben und eine Debatte angefeuert, die dann unter anderem in Hoyerswerda eskalierte. Momentan führt Deutschland eine erschreckend ähnliche Debatte. Parteien wie AfD, NPD und CSU sowie Bewegungen wie Pegida schüren Ängste, und in Orten wie Tröglitz eskaliert die Situation erneut.

Haben Sie selbst einen persönlichen Bezug zur Zuse-Stadt?
Ich habe keinen direkten persönlichen Bezug zu Hoyerswerda, ich bin aber südlich von Berlin im Landkreis Oder-Spree aufgewachsen und habe dort die Ausländerfeindlichkeit und die Brutalität der Neonazi-Szene in den 90er- und Folgejahren miterlebt. Ich wurde als Jugendlicher von Neo-nazis verfolgt und attackiert, weil ich Skateboard gefahren bin und lange Haare trug. Ich versuche zu verstehen, warum es in meiner Heimat und im Rest Ostdeutschlands dazu kommen konnte, dass der Fremdenhass so eskalierte, und warum es immer noch so viele Ressentiments gibt.

Wie lang haben Sie an diesem Film gearbeitet?
Die Arbeit an meinem Film dauerte etwa ein halbes Jahr. Der Großteil der Arbeit bestand in der Recherche von Archivmaterial und der Suche nach möglichen Zeitzeugen. Leider war es mir finanziell nicht möglich nach Mosambik zu reisen und dort Zeitzeugen zu interviewen. Die Asylsuchenden, welche 1991 in Hoyerswerda angegriffen wurden, waren nicht auffindbar. Zum Glück habe ich die Protokolle gefunden.

Die Protokolle sollen bisher unveröffentlicht gewesen sein. Wie sind sie auf diese gestoßen?
Durch die Initiative Pogrom 91 wurde ich auf Waldtraut Spill und ihre Protokolle aufmerksam. Ich besuchte sie in Berlin, und sie überreichte mir die Protokolle. Leider hat sie keinen Kontakt mehr zu den vier Vertragsarbeitern, mit denen sie 1991 sprach. Die Protokolle geben eine nur selten dokumentierte Sichtweise auf die Geschehnisse von 1991 wieder.

Was wollen Sie mit der Gegenüberstellung der Fernsehbilder von den Ausschreitungen mit den Drohnenaufnahmen von Frontex bei den Zuschauern erreichen?
Die Frontex-Aufnahmen zeigen flüchtende Menschen an der griechisch-türkischen Grenze. Nach den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock wurde das Recht auf Asyl beschränkt. Ein erster Schritt war das Dublin-Abkommen und dann die Absicherung der europäischen Außengrenzen. Frontex steht dafür als ein Sinnbild. Die deutsche und europä ische Debatte über Asylsuchende ist unmenschlich. Asylsuchende werden als eine Gefahr wahrgenommen, welche durch Drohnen und militärische Technik beobachtet und abgewehrt werden. Die Geschichten der vier mosambikanischen Vertragsarbeiter sollen daran erinnern, dass es um Menschen geht - um persönliche Schicksale.

Haben Sie einzelne Aussagen in den Erinnerungsprotokollen persönlich besonders berührt?
Mich haben die Aussagen sehr berührt. Diese vier kurzen Geschichten sagen mehr, als viele der Fakten und Zeitungsberichte von 1991, die ich recherchiert habe. Sie geben uns einen kleinen Einblick in eine gewisse Zeit und Umstände. Doch diese Geschichten könnten sich auch an der griechisch-türkischen Grenze im Jahr 2015 ereignen. Natürlich unterscheidet sich die Situation von Vertragsarbeiter und Asylsuchenden, jedoch sagen die Geschichten der vier Vertragsarbeiter viel über die deutsche "Willkommenskultur" aus. Ich bin froh, dass Waldtraut Spill so weitsichtig war und diese Geschichten dokumentiert hat. Sie sollten uns daran erinnern, was 1991 geschah und sich heute nicht wiederholen darf.

Mit Thomas Kaske sprach

Sophie Bartholome