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| 13:04 Uhr

Schrotholzscheune
Bergener wollen zum Jubiläum die Axt schwingen

Hier präsentiert Birgit Pattoka schon einmal die außergewöhnliche Schrotaxt, mit der zum 250-jährigen Scheunenjubiläum ein Baumstamm „bebeilt“ werden soll.
Hier präsentiert Birgit Pattoka schon einmal die außergewöhnliche Schrotaxt, mit der zum 250-jährigen Scheunenjubiläum ein Baumstamm „bebeilt“ werden soll. FOTO: Richter-Zippack
Eine schiefe Axt und ein Baumstamm sollen in diesem Jahr die Stars an der Bergener Schrotholzscheune werden. Und das aus gutem Grund: Mittels Beil und Holz ist das Gebälk vor genau 250 Jahren errichtet worden. Von Torsten Richter-Zippack

Bergen Normalerweise besitzt eine Axt einen geraden Stiel und einen symmetrischen Metallkopf. Ganz anders das Exemplar im Schrank der Bergener Schrotholzscheune: Dieses Beil verfügt nicht nur über einen nach unten verlängerten Eisenkopf, sondern hat auch noch einen stark gebogenen Stiel. „Ich lasse meine Gäste immer raten, was es mit diesem Werkzeug auf sich hat“, sagt die Bergener Volkskünstlerin Birgit Pattoka schmunzelnd. Die meisten Besucher wüssten des Rätsels Lösung nicht. „Mit solchen Äxten wurden früher Baumstämme in viereckige Balken verwandelt. Eine körperlich überaus anstrengende Arbeit. Blutige Schwielen an den Händen sind garantiert“, verrät Pattoka.Doch genau solch behauene Balken wollen von krummstieligen Äxten bebeilt werden, wie Fachleute sagen. Damit rustikale Gebäude entstehen können wie die Bergener Schrotholzscheune der Familie Pattoka. Das historische Gebälk gilt heute als letzte Scheune dieser Art im Angerdorf. Anno 1768 wurde sie erbaut. Aus Anlass der 250. Wiederkehr will Birgit Pattoka mehrere kräftige, unerschrockene Zimmermänner gewinnen, die den Besuchern zeigen, wie mit der krummstieligen Axt ein Baumstamm bearbeitet werden kann. Dieser werde zwar nicht für die Scheune selbst benötigt, solle aber als neue Sitzbank direkt vor dem historischen Gebälk dienen. Wann genau das axtschwingende Spektakel stattfinden wird, sei noch offen. „Wir orientieren uns auf einen Termin entweder im Früh- oder aber im Spätsommer“, kündigt Pattoka an. Der entsprechende Baum, eine echte Lausitzer Kiefer, müsse noch gefällt werden. „Natürlich aus unserem eigenen Wald“, betont die Volkskünstlerin.

Woher die Pattokas so genau wissen, dass ihre Scheune vor zweieinhalb Jahrhunderten erbaut wurde? „Die Jahreszahl haben wir im Scheunentor gefunden“, klärt Anna Pattoka, die Mutter von Birgit Pattoka, auf. Allerdings, so schränkt die 78-Jährige ein, sei das stark lädierte Tor im Zuge der Scheunenrekonstruktion vor rund 20 Jahren entsorgt worden. Auf schriftliche Unterlagen zum Scheunenbau sei die Familie bislang nicht gestoßen. „Dabei haben wir schon in allen möglichen Archiven recherchiert“, weiß Birgit Pattoka.  Sie habe jedoch herausgefunden, dass während der 1760er-Jahre eine ganze Anzahl weiterer Schrotholzscheunen in Bergen errichtet worden waren. „Möglicherweise zog damals eine Gruppe von Zimmerleuten durch unsere Gegend“, vermutet die sympathische Frau, die auch die Bergener Ortschronik verfasst hat. Ihr Exemplar sei indes das letzte Original, das übrig geblieben ist. Die weiteren Gebäude wurden unter anderem durch Steinbauten ersetzt, brannten ab oder wurden einfach abgerissen.

Eine weitere Jahreszahl in der Pattoka’schen Schrotholzscheune ist indes noch erhalten, und zwar „1898“. „Damals“, so erklärt Birgit Pattoka, „wurde das komplette Gebälk mittels Rollen und Stämmen rund 80 bis 100 Meter näher an unser Gehöft herangeschoben.“ Das „Verrollen“ der Scheune muss sich über Wochen hingezogen haben.

Anna Pattoka kam indes schon als Kleinkind mit der Scheune in Berührung. „Die Eltern haben uns Kinder immer dorthin mitgenommen und der Gänserich lief hinterher.“ Die 78-Jährige erinnert sich vor allem an den Storchenhorst auf dem damals strohgedeckten Dach. Jahr für Jahr hatten die Rotstrümpfe dort oben gebrütet. „Das brachte uns Glück. Die Scheune wurde weder im Krieg beschädigt, noch schlug je ein Blitz ein“, so die Seniorin. Nach Kriegsende verschwanden die Vögel allerdings vom Scheunendach. „Ein Tier flog gegen eine Stromleitung, verunglückte tödlich und wurde später als Präparat in der Seidewinkler Schule ausgestellt.“ Seitdem hat nie wieder ein Storch auf der Schrotholzscheune gebrütet. „Wir hoffen aber immer noch jeden Frühling, dass die Rotstrümpfe wiederkehren“, wünscht sich Anna Pattoka.

Die im Holz eingeritzte Jahreszahl 1898 weist auf das Verrollen der historischen Bergener Schrotholzscheune hin.
Die im Holz eingeritzte Jahreszahl 1898 weist auf das Verrollen der historischen Bergener Schrotholzscheune hin. FOTO: Richter-Zippack

Diente die Scheune bis zur LPG-Gründung vor rund 60 Jahren als Speicher für Ernte, wurde sie anschließend als Lager für verschiedenste Landwirtschaftsgeräte genutzt. Das Bauwerk verfiel mehr und mehr, insbesondere das Strohdach litt unter Wind und Wetter sowie unter Vögeln, die sich die Eicheln aus dem faserigen Material sicherten.

Wurde das Scheunendach zu DDR-Zeiten noch mittels Gummis ausrangierter Tagebau-Förderanlagen dicht gehalten, erfolgte in den Jahren 1998/1999 eine Komplettsanierung des Bauwerks. Seitdem ziert ein wesentlich haltbareres Schilfdach die Scheune. Die Pattokas nutzen das historische Gebälk heute museal sowie als Werkstatt für Glasmalerin Birgit Pattoka.

Bereits in den 1990er-Jahren wurde die Schrotholzscheune als Kulturdenkmal eingetragen, berichtet der damalige Kreisdenkmalpfleger Peter Biernath. Ihm imponieren vor allem die Holzverbindungen ohne Eisen und Metallnägel. „Aus heutiger Sicht wahre Meisterleistungen der Zimmermannskunst“, lautet sein Kommentar.