Von Rita Seyfert

Beschwingte Melodien dringen an die Ohren der Passanten. Während einige mit Scheuklappen über die Bürgersteige von Hoyerswerdas Altstadt eilen, halten andere inne.  Eins ist sicher, wer stehen bleibt, kann viel über Radios lernen.

Die alten Schlager und Chansons begleiten die Zuhörer beim musikalischen Schaufensterrundgang zugleich auf eine Reise in die Welt der historischen Radioempfänger. Ob Detektorempfänger, „Goebbelsschnauze“ oder das Lausitz 2011, die Radiogeräte liegen bis Ende nächster Woche als Leihgaben in den Schaufenstern aus.

Die Geräte gehören dem ehemaligen Pfarrer Manfred Martschink (84). Neugierig nahm er bereits als Kind Uhren auseinander, erzählt er. Das Technische lag ihm. Später als Oberschüler bastelte er Radios zusammen.

In der Senftenberger Straße hatte ein Flüchtling aus Berlin eine Rundfunk-Reparaturwerkstatt aufgemacht. Bald waren beide befreundet. Sie konnten nicht nur gemeinsam fachsimpeln, sondern teilten auch ein ähnliches Schicksal. Auch  Manfred Martschink musste mit seiner Mutter aus der ausgebombten Hauptstadt flüchten. Im Haus der Großeltern in Hoyerswerda fanden sie Zuflucht.

Manfred Martschinks Faszination für Radiogeräte

Die Faszination für Radiogeräte blieb. Manchmal stand auf dem Sperrmüll eins herum. Das nahm er mit und stellte es in den Keller. „Irgendwann bin ich Rentner und kann was damit machen“, diese Idee hatte er immer im Kopf, erzählt er.

Sein Traum ist eine Ausstellung. Besonders interessant sei, wie politische Systeme die Entwicklung des Radios beeinflussten.

Während man mit den Telefunken-Geräten ab 1939 noch die halbe Welt empfing, markierte der legendäre Volksempfänger eher einen gewollten technischen Rückschritt. Statt London und Moskau bekam man damit nur noch deutsche Sender.

Später in der DDR zeigte sich eine ähnliche Entwicklung. So hatte das „Kolibri“ nur zwei Tasten mit zwei fest einprogrammierten Ost-Sendern.

20 Radioempfänger schmücken Hoyerswerdas Vitrinen

Inzwischen umfasst seine Sammlung mehr als einhundert Geräte. Die meisten stapeln sich auf dem Dachboden. Immerhin, die Apparate spucken alle noch Töne aus, obschon manche knistern oder knacken. Ein Lieblingsstück hat Manfred Martschink nicht. Jedes erzählt eine besondere Geschichte. Das Sachsenwerk ESWE Radio steht in seiner Schrankwand. Im Volksmund heißt es „D-Zug“, weil man es ähnlich wie Waggons erweitern kann. 20 Radioempfänger schmücken jetzt Hoyerswerdas Vitrinen.

Zehn Geschäfte machen mit. Mit den Detektorgeräten im Schaufenster vom Schokoladen-Geschäft in der Schlossstraße fing alles an. Die Empfangsgeräte mit den Korbspulen aus dem vergangenen Jahrhundert könnten vermutlich auch als Vorgänger der MP3-Player durchgehen. Denn ihrer Musik lauschte man über Kopfhörer.

Weiter geht der Rundgang über die Eisdiele Schoko & Luise, den Bürotreff Kloss, den Reiseclub Cottbus, den Brillenladen Cityoptik Böhm, die Fahrradreparaturwerkstatt Radl Jordan, die Boutique Evelin Graf Moden, den Friseur Zeller Studio und den Juwelier Scholze. Mit dem roten Lausitz 2011 in der Auslage vom Buch- und Musikhaus Sygusch in der Friedrichsstraße endet die Führung. Das Radio der Marke Robotron kennt Betreiberin Elisabeth Sygusch noch von früher. „Wir freuen uns über die wunderschönen Schaufenster“, sagt sie. Und auch die Musik kommt gut an. Zur „Rose vom Wörthersee“ schwingt sie auch schon mal das Tanzbein, falls sie gerade keine Kundschaft hat.