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Bautzen mit den Händen entdecken

Das Blindentastmodell auf dem Hauptmarkt bildet die Bautzener Altstadt maßstabsgetreu nach.
Das Blindentastmodell auf dem Hauptmarkt bildet die Bautzener Altstadt maßstabsgetreu nach. FOTO: Uwe Menschner/ume1
Bautzen. Für die meisten Stadtbesucher ist es selbstverständlich, sich mit den Augen zu orientieren. Ihnen genügt ein herkömmlicher Stadtplan, um die Lage einzelner Sehenswürdigkeiten zu erfassen und den entsprechenden Rundgang zu planen. Uwe Menschner / ume1

Blinde haben diese Möglichkeit nicht - sie benötigen andere Hilfsmittel.

Die Stadt Bautzen verfügt seit wenigen Tagen über ein Tastmodell - eine maßstabsgetreue plastische Darstellung ihrer Altstadt, die sich nicht nur sehend, sondern auch fühlend entdecken lässt. "Wenn blinde Mitbürger zum ersten Mal ihre Stadt befühlen, deren Mauern sie zwar berühren, deren Dimensionen sie aber nie begreifen konnten, so ist es für sie eine ganz neue Erfahrung", sagt Egbert Broerken. Der in der Nähe von Soest (Nordrhein-Westfalen) lebende Künstler gilt als "Erfinder" der Tastmodelle und hat schon zahlreiche Städte damit bereichert. Bautzen ist das 120.Modell, das nächst gelegene Modell befindet sich im erzgebirgischen Marienberg. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, in Frankreich und den Niederlanden hat Broerken seine Spuren hinterlassen. Das allererste Modell entstand im westfälischen Münster.

Gemeinsam mit Schülern und Lehrern der westfälischen Blindenschule Soest entwickelte Egbert Broerken ein Verfahren, das eine optimale taktile "Begehbarkeit" seiner Modelle garantiert. Viele Zwischenschritte sind nötig, um aus den verfügbaren Daten - beispielsweise Katasterplänen und Luftaufnahmen - ein filigranes Bronzemodell zu erschaffen. Dabei wird ein Wachsmodell mit einer Gipsschamotte umhüllt und gebrannt - das verflüssigte Wachs entweicht aus der verfestigten Form, die nunmehr mit der flüssigen Bronze befüllt werden kann.

Initiator des Bautzener Tastmodells war der dortige Blinden- und Sehbehindertenverband, der mithilfe von Spenden und Sponsoring auch die Finanzierung des etwa 33 000 Euro teuren Projektes ermöglichte. Doch nicht nur Blinde profitieren von der Idee: "Auch in der sehenden Bevölkerung stoßen die Miniatur-Stadtansichten auf große Resonanz. Durch den ungewöhnlichen Blickwinkel eröffnen sich ganz neue Perspektiven auf die Heimatstadt.

Von oben erschließen sich bauliche Strukturen einfacher und werden für den Betrachter sinnlich nachvollziehbar", betont Egbert Broerken, der die Stadtmodelle inzwischen gemeinsam mit seinem Sohn Felix anfertigt. Bautzen bildete durch seine komplizierte und wechselvolle Topografie mit den relativ steilen Anstiegen zum Dom hin und den schroff abfallenden Granitfelsen eine besondere Herausforderung, die - auch dank entsprechender Korrekturhinweise aus der Bautzener Bevölkerung - bravoröus gemeistert wurde.