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| 11:28 Uhr

Experten warnen
Bautzen als Spiegelbild der Raubgut-Forschung

Forscher Robert Langer hat in den Altbeständen der Bautzener Stadtbibliothek nach geraubten Büchern gesucht.
Forscher Robert Langer hat in den Altbeständen der Bautzener Stadtbibliothek nach geraubten Büchern gesucht. FOTO: Monika Skolimowska / dpa
Bautzen. Millionen Juden und Andersdenkenden haben die Nazis ab 1933 nicht nur das Leben genommen, sondern auch ihren Besitz geraubt. Dieses Unrecht will Deutschland aufarbeiten und wiedergutmachen. Bei der Umsetzung hapert es aber – wie das Beispiel Bautzen zeigt. Von Bodo Baumert

Mit der Washingtoner Erklärung ist 1998 die Grundlage gelegt worden, dass Unrecht der NS-Zeit bis 1945 wiedergutgemacht werden soll. Es geht darum, geraubte Kunstwerke an die Besitzer oder ihre Erben zurückzugeben. Deutschlands Länder und Kommunen haben das 1999 in einer Selbstverpflichtung noch einmal bestärkt. In Museen hat die Raubgutforschung seitdem Fortschritte gemacht. In den Bibliotheken hinkt sie allerdings immer noch ein Stück weit hinterher.

Das ist am Freitag in Bautzen deutlich geworden, wo sich der Arbeitskreis Provenienzforschung und Restitution getroffen hat. Rund 90 Forscher aus Deutschland und Österreich gehören ihm an. Die meisten arbeiten an wissenschaftlichen Einrichtungen. Bautzen ist eine der ersten Stadtbibliotheken, die ein systematisches Forschungsprojekt zu NS-Raubgut vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert bekommen hat. Bautzen ist damit ein Paradebeispiel für das, was eigentlich nötig wäre. „Erst ein Bruchteil der Bestände ist überhaupt gesichtet“, sagt Michaela Scheibe, Vorsitzende des Arbeitskreises und Mitarbeiterin an der Staatsbibliothek in Berlin. 30 000 Bücher konnten in den vergangenen zehn Jahren als Raubgut identifiziert und in die weltweite Lost-Art-Datenbank eingetragen werden. Die zu sichtenden Bestände gehen in die Millionen.

Auch in Bautzen hat Forscher Robert Langer in den vergangenen vier Jahren spektakuläre Funde gemacht. So konnte etwa die Büchersammlung Edith und Georg Tietz, das sind die einstigen jüdischen Inhabern der Hertie-Warenhauskette, entdeckt werden. Der Kontakt zu einem Teil der Erben ist mittlerweile hergestellt. Bautzen ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass sich das Hinschauen in allen Bibliotheken lohnt. „Die Stadt stand ja eigentlich nicht im Rampenlicht des Geschehens. Und doch haben wir hier solche Funde“, erklärt Michaela Scheibe. Das hängt damit zusammen, dass der Weg, den die Bücher nach der Enteignung durch die Nazis genommen haben, oft verschlungen war. Kriegsauslagerungen, vergessene Depots, die nach 1945 in die Bestände der nächstliegenden Bibliotheken eingegliedert wurden, „Schlossbergungen“ zu DDR-Zeiten, die ebenfalls frei an Bibliotheken verteilt wurden, Devisen-Verkäufe und viele andere Zufälle führen dazu, dass es heute schwer ist, den Weg geraubter Bücher nachzuvollziehen. „Selbst heute wird mit Raubgut-Büchern noch antiquarisch Handel getrieben“, erläutert Jana Kocourek von der SLUB in Dresden.

Um so wichtiger ist es, alle Bestände einer Bibliothek zu erfassen. Eine Umfrage des Arbeitskreises bei 1300 kommunalen Bibliotheken hat ergeben, dass mindestens 400 Altbestände haben. Ein Raubgutforschungsprojekt haben bisher nur zwei: Bautzen und Hannover.

Und in Bautzen läuft die Förderung nun aus. Eine Folge-Antrag wurde nicht genehmigt. Dabei wäre noch so viel zu tun. „Wir haben noch vier Fünftel des Bestandes vor uns“, sagt Forscher Robert Langer. Dennoch bricht die Forschung nun ab. „Dadurch geht wichtiges Wissen verloren“, beklagt Jana Kocourek und fordert ein Umdenken. „Hier ist die Politik gefragt, andere Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Statt kurzfristiger Projekte und Nebentätigkeiten auf anderen Stellen sei es nötig, die Forschung direkter zu ermöglichen. „Wir brauchen eine Verstetigung“, sagt auch Robert Langer.

Der Arbeitskreis will nun in einem ersten Schritt Neuland betreten. In Berlin wird derzeit ein Förderprojekt erarbeitet, dass gerade kleinen Bibliotheken zugute kommen soll. Über eine zentrale Stelle soll eine Art Erst-Check für Bibliotheken angeboten werden. Erfahrene Forscher könnten vor Ort den Bestand sichten und Hinweise geben, ob eine weitere Aufarbeitung der gefundenen Provenienzen nötig wäre. Darauf könnte dann ein Förder-Antrag beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste aufbauen.

„Wir haben eine Verantwortung, den Verpflichtungen zur Aufarbeitung auch Taten folgen zu lassen“, betont Jana Kocourek. Arbeit genug ist vorhanden. „Das ist eine Aufgabe für die kommenden 20 Jahre, wenn wir so weiter machen wie bisher auch noch für sehr viel länger“, ergänzt Michaela Scheibe.