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| 15:54 Uhr

Hoyerswerda
Viel Arbeit für die Flüchtlingshelfer

Hoyerswerda. Hoyerswerdas Bürgerbündnis bekommt am Dienstag einen Preis für Demokratie und Toleranz. Reichlich Probleme vor Ort gibt es aber weiterhin. Von Sascha Klein

Birgit Radeck setzt sich gerade an einen Tisch eines Cafés in der Hoyerswerdaer Neustadt, als sie rechts neben sich ein bekanntes Gesicht entdeckt. Es ist Saher. Er hat sich einen Kaffee bestellt und wartet auf ein paar Freunde. „Saher ist zum Beispiel so ein Vorzeige-Beispiel für Integration“, sagt Birgit Radeck und grüßt nach nebenan. Die 54-Jährige ist bei der RAA Hoyerswerda/Ostsachsen angestellt und koordiniert seit Februar 2017 das Bürgerbündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“.

 Saher ist anerkannter Flüchtling, hat eine 20-Stunden-Stelle bei einem Wachschutz in Hoyerswerda und arbeitet daran, Sprachmittler zu werden, um etwa andere Asylbewerber zu Ärzten zu begleiten.

Das Bürgerbündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“ wird am Dienstag in Dresden ausgezeichnet – im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ für das Jahr 2017. 1000 Euro Preisgeld gibt es. Insgesamt werden bundesweit 77 Initiativen und Projekte geehrt, davon 13 aus Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Hoyerswerdschen werden besonders für ihre Unterstützung von Asylsuchenden und wegen der Förderung von Toleranz und Völkerverständigung ausgezeichnet.

Bis das jedoch so vermeintlich leicht gelingt, wie es in der Begründung für den Preis klingt, ist es oftmals ein höchst steiniger Weg, sagt Birgit Radeck. Gerade in diesen Wochen spürt das die Koordinatorin wieder deutlich: „Im Moment nimmt das Interesse von Leuten in Hoyerswerda, die uns helfen, wieder etwas ab“, betont Birgit Radeck. Das liege daran, dass die Arbeit zurzeit sehr normal und ruhig laufe. Alltag quasi. „Wenn sich jemand ehrenamtlich bei uns einsetzt, dann freut uns das sehr“, sagt sie. „Aber das kostet diejenigen eben auch Zeit und Nerven.“

Eines der größten Probleme von Asylbewerbern, aber damit auch für Birgit Radeck, ist deren Langeweile. „Ganz viele der Menschen würden gerne arbeiten. Sie dürfen das aber nicht, so lange sie keine anerkannten Flüchtlinge sind“, sagt sie. „Manche Menschen sind seit 15 Jahren hier geduldet. Das bedeutet: Sie haben seit 15 Jahren Arbeitsverbot“, kritisiert die Koordinatorin des Bürgerbündnisses. Laut der jüngsten Daten des Landkreises Bautzen lebten im März 2018 rund 530 Flüchtlinge in den beiden Hoyerswerdaer Heimen sowie in Wohnungen. Die meisten seien zum Nichtstun verurteilt, sagt Birgit Radeck. Allein ehrenamtliche Tätigkeit sei erlaubt. „Ich kenne keinen Asylbewerber, der nicht arbeiten will“, betont sie. „Wer 15 Jahre geduldet wird, der liegt dem Staat 15 Jahre auf der Tasche“, rechnet sie salopp vor. „Das ist doch für niemanden befriedigend.“

So versucht die 54-Jährige, so viele anerkannte Flüchtlinge wie möglich in Arbeit zu bringen. Doch selbst bei vermeintlich positiven Beispielen stellt sich immer wieder Frust ein. Birgit Radeck erzählt: „Ein Mann aus Marokko hat hier Altenpflegehelfer gelernt. Er sprach französisch und arabisch fließend, hat dazu sehr schnell deutsch gelernt. Als er seine Ausbildung abgeschlossen hatte, ist er abgeschoben worden.“ Er war noch nicht anerkannt. Marokko zählt als sicherer Drittstaat. „Sowas ist sehr frustrierend“, sagt Birgit Radeck. Für sie ist es so: Abschiebungen würden oft am „grünen Tisch“ entschieden. „Wir kennen die Gesichter und die Menschen. Die, die dort entscheiden, kennen nur die Akte.“ Sie macht sich für ein Einwanderungsgesetz stark, um klare Regeln zu schaffen. Das fehle Deutschland sehr, bemängelt die Lausitzerin.

Birgit Radeck kennt inzwischen so viele Asylbewerber, so viele krasse Fälle, so viele Schicksale. „Manchmal verfolgt einen das schon bis nach Hause“, sagt sie. Abschütteln ließe sich diese Tätigkeit nicht so einfach. Über das Wochenende schaltet sie ihr Diensttelefon ab. Sonst wäre sie sieben Tage pro Woche, 24 Stunden pro Tag im Dauereinsatz. Denn Fragen, Sorgen und Nöte gebe es seitens der Asylsuchenden immer. Ein Beispiel von vielen, das Birgit Radeck fassungslos macht: „Eine Frau kam mit ihrem großen Kind aus Syrien zu uns. Der Mann ist gefallen. Die Frau und ihr Kind sind inzwischen anerkannte Flüchtlinge bei uns. Das Problem ist: In einem Flüchtlingslager im Libanon warten ihre anderen drei Kinder bei Verwandten. Die konnte sie nicht mitnehmen.“ Das Problem sei: sie einfach nachzuholen ist extrem schwer. „Das gibt einem sehr zu denken. Da wacht man morgens auf und freut sich, dass man in Deutschland geboren ist“, sagt sie.

Was sich Birgit Radeck für die weitere Arbeit wünscht: „Es wäre wichtig, wenn eine Außenstelle des Ausländeramts in Hoyerswerda wäre. Wegen allem müssen wir nach Kamenz fahren. Es würde schon helfen, wenn das Ausländeramt einmal pro Woche eine Sprechstunde in Hoyerswerda hätte.“ Ein weiterer Wunsch: Die Hoyerswerdschen dürften ruhig etwas neugieriger sein: „Es wäre toll, wenn mehr Hoyerswerdaer zu den Veranstaltungen und Begegnungscafés kommen würden.“ Oftmals seien die Helfer und die Flüchtlinge unter sich. Die nächste Chance zum Kennenlernen besteht am 9. Juni: Dann findet im Jugendklubhaus Ossi im Hoyerswerdaer WK I ein interkulturelles Familienfest statt.