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| 01:03 Uhr

Ausflug an eine Quelle europäischen Denkens

Hoyerswerda.. Das jüngste Gespräch am Kamin des Hoyerswerdaer Kunstvereins erwies sich als ein Ausflug in nahezu vier Jahrtausend Geschichte. Zum Thema „Sitten und Riten des Judentums“ hatte die Referentin Dr. Martin Schmidt

Nora Goldenbogen vom Verein Hatikva Dresden dazu nicht nur Zeittafeln und Geschichten, sondern auch zahlreiche Gegenstände des Gebrauchs im Gottesdienst und in der Kultur mitgebracht. Beim Wandern durch den jüdischen Kalender verweilte sie nicht nur bei den historischen oder religiösen Anlässen einzelner Feste, sondern berichtete über die heute übliche Verwendung, über die Bedeutung von Gebetsschal und Gebetsriemen, der verschiedenen Leuchter und des Sedertellers. Doch vor allem standen Ereignisse der Geschichte Israels, die teils weit bis 1700 vor Christus zurückführen, teils vor 2000 Jahren stattfanden, im Mittelpunkt.

Älteste Religion
Das Judentum ist nicht nur die älteste der drei monotheistischen Weltreligionen, sie ist auch die, die in Sitten und Riten am beständigsten geblieben ist - und die Christentum wie Islam gleichermaßen und wesentlich mitprägte.
Dies ist um so erstaunlicher, da die Juden bereits vor dem Jahr 0 mehrfach vertrieben und ins Exil geführt wurden und bis ins vorige Jahrhundert in der Diaspora, der „Zerstreuung“ über die ganze Welt lebten. Ihr Glauben, die Formen ihres Gottesdienstes, die Gestalt ihrer Gotteshäuser, die Feste und deren Ablauf in den Familien blieben in all den Jahrtausenden erhalten.

Sprichworte erschließen sich
Trotz dieses zeitlich und geo grafisch weit gezogenen Bogens gestaltete die Referentin den Abend sehr locker, hob bald den einen Gegenstand, bald den anderen, deren jeder von erlesener Schönheit war, ins Licht. Dabei versäumte sie nicht auf jene Sprichworte und Redewendungen zu verweisen, die jeder von uns verwendet und die ihren Ursprung im jüdischen Glauben und Kultus haben, wie „der Haussegen hängt schief“ oder „jemandem einen Denkzettel verpassen“ . Einiges wird der Kunstverein bei seiner nächsten Exkursion mit Nora Goldenbogen am 13. Juli auf den ältesten jüdischen Friedhof wiederfinden oder auch neu entdecken.
Wie die intensive Diskussion zeigte, sind die Ursprünge von Verhaltens- und Denkweisen in den Traditionen europäischer Völker in jenen Überlieferungen zu finden, die die deutschen Nationalsozialisten auszurotten und die DDR zu vergessen suchten. Doch welcher Baum kann ohne Wurzeln in die Höhe wachsen, welcher ohne den nahrhaften Boden allein einen Wald bilden? Ebenso brauchen die Völker der Erde das Wissen um die Herkunft ihres Denkens, die Ursprünge ihrer Sprache und ihrer gegenseitigen Anregungen, um zu lernen, miteinander in Frieden zu leben.