Für Sophie Seiler (23) aus Hoyerswerda und Sarah Becher (22) aus Welzow klingelte der Wecker heute schon um vier Uhr. Zwei Stunden später beginnt ihre Frühschicht. Pillen sortieren, Füße waschen, Blutdruck messen: Seit drei Wochen arbeiten die jungen Frauen auf der Geriatrie-Station vom Seenland Klinikum in Hoyerswerda – und zwar nahezu selbständig.

Sophie und Sarah sind zwei der insgesamt 25 Gesundheits- und Krankenpflegeschüler, darunter drei Männer, die sich bis heute im Krankenhausalltag behaupten müssen. Die jüngste ist 18, die älteste 35 Jahre alt. Das Projekt, bei dem die Pflegeschüler aus dem dritten Lehrjahr die Station für Altersmedizin für drei Wochen vollständig übernehmen, findet zum vierten Mal statt.

„Wir hatten bedenken, dass es drunter und drüber läuft“, erzählt Pflegeschülerin Sarah. Sophie ergänzt: „Wir dachten, dass uns die volle Verantwortung überfordern könnte.“ Diese Sorgen schienen unbegründet. Mit ihrem jugendlichen Charme hielten die Pflegeschüler den Stationsbetrieb am laufen. Tagein, tagaus nahmen sie Blut ab, wechselten Verbände, legten Katheter oder lagerten die bettlägerigen Patienten um. Die hochbetagten Herrschaften genossen den frischen Wind, der mit den jungen Berufsanfängern über die Station wehte.

Elfriede Thiem (91) und Kunigunde Ruby (89), die sich ein Zimmer teilen, konnten keine Unterschiede in ihrer Behandlung feststellen. „Lernen müssen sie es ja irgendwann sowieso“, bringen sie es pragmatisch auf den Punkt. Und ob gerade eine Auszubildende oder examinierte Krankenschwester ihren Blutzucker misst, lasse sich fast nur an der Farbe des Kittels feststellen. Die Lehrlinge tragen himmelblau, und die Kollegen mit Abschluss stecken in himbeerfarbener Kluft.

Ihre ersten „richtigen“ Praxiswochen werden die Pflegeschüler wohl nicht so schnell vergessen. Einmal musste Sarah improvisieren. „Ein 83-jähriger Herr wollte Baracken einreißen und Fassaden anmalen“, erinnert sie sich an einen eher skurrilen Nachtdienst. Der frisch operierte Patient befand sich im Delirium. Wegen einer Sturzgefährdung hatte der Arzt Bettruhe verschrieben. Davon wollte der Mann aber nichts wissen. „Er wollte immer wieder aufstehen.“ Doch Sarahs Eins-zu-Eins-Betreuung hielt ihn im Bett. „Ich verwickelte ihn in ein Gespräch. Das lenkte ihn ab“, sagt sie.

Auch Sophie berühren vor allem die kleinen, menschlichen Situationen. „Mir tut es leid, wenn die Patienten nicht mehr so können, wie sie wollen“, sagt sie. Spontan fällt ihr eine ältere Dame ein, die ihren Geburtstag eigentlich zu Hause feiern wollte. Doch die Entlassung verschob sich. „Nach Absprache mit den Ärzten bei der Visite rief ich die Tochter im Westen an“, erzählt Sophie. Nun findet die kleine Geburtsfeier trotzdem statt – und zwar im Krankenhaus.

Nur beim Zeitmanagement haperte es manchmal. „Wenn gleichzeitig mehrere Patienten-Aufnahmen und Entlassungen zusammenfielen, mussten wir uns untereinander organisieren und absprechen“, erzählen Sarah und Sophie. Aufgaben delegieren, so hieß das Motto, bevor das Chaos ausbrechen konnte.

Ganz allein waren die Azubis nie. Eine der insgesamt vier Praxisanleiter, die den Pflegeschülern täglich über die Schulter schauten, ist die examinierte Krankenschwester Daniela Korch (33). Die meisten Fragen seien zu den Medikamenten gestellt worden, sagt sie. Viele Pillen ähneln sich optisch. Da müsse man schon ganz genau hinschauen und darauf achten, dass der Zeitpunkt und die zu verabreichende Menge stimmen. Unterm Strich sei sie aber zufrieden: „Die Pflegeschüler haben sich gut eingearbeitet und kennen jetzt die Abläufe“, sagt sie.

So viel steht fest, ihren Abschluss haben Sarah und Sophie fast in der Tasche. Die schriftlichen, praktischen und mündlichen Prüfungen stehen zwar noch aus. Die Zwischenzeugnisse gab es aber schon in dieser Woche. „Nun können wir uns bewerben.“