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| 19:17 Uhr

Plädoyer für Hoyerswerda
Aus Glücksfall wird die „Heimkehr“

FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. Den Hoyerswerdaer Christoph Wowtscherk hat seine alte Heimat nie losgelassen. Ein Rückkehrer-Plädoyer. Von Anja Hummel

Ein Altstadtkind sei er und irgendwie doch vom Dorf. Mit Hoyerswerda eng verbunden und trotzdem gerne mal in der Ferne. Er liebe die Stadt und dennoch verschließe er seine Augen nicht vor den Problemen. Christoph Wowtscherk ist vor acht Jahren nach Hoyerswerda zurückgekehrt. „Acht Jahre ist das schon her?“, stellt er verwundert fest, bevor er von seinem ganz speziellen „Glücksfall“ berichtet.

Nach sechs Jahren Studium in Greifswald und Bochum zog es den Historiker aus Dörgenhausen im Jahr 2010 wieder in die Heimat zurück. Der Grund dafür könnte kaum offensichtlicher sein: „Ich habe meine Doktorarbeit über einen Teil der Stadtgeschichte geschrieben“, erzählt der politisch engagierte Mann. So erschien es ihm einfach logisch, für die Recherche zu den Ausschreitungen 1991 nach Hoyerswerda zurückzukehren.

 Warum nahm er sich diesem Thema an? „Ich wurde während der Studienzeit häufig darauf angesprochen“, erzählt Wowtscherk. Das habe das persönliche Interesse des damaligen Geschichtsstudenten geweckt. Nachdem er zwei Jahre lang forschte und viel über die jüngere Stadtgeschichte zusammentrug, reichte er seine Doktorarbeit ein. „Und dann habe ich ziemlich schnell einen Job gefunden. Das war ein absoluter Glücksfall“, erzählt der 31-Jährige. Das war im Jahr 2012. Heute ist er immer noch hier, wohnt in der Hoyerswerdaer Altstadt, ist Mitglied in einem Fitnessstudio und außerdem im Kreistag aktiv.

Und gleich steht der Mitarbeiter im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben vor der Fernsehkamera. Im Alten Rathaus der Stadt wird das Stativ aufgebaut. Im Hintergrund hängt das Plakat mit dem Schriftzug „Ich liebe Hoyerswerda“. Ein Satz, den auch Christoph Wowtscherk unterschreibt. „Aber klar, Hoyerswerda ist nicht mit einer Uni-Stadt vergleichbar“, ergänzt er. Wie er das „Problem“ mit der fehlenden Kneipenszene ausgleicht? „Mit dem Alter“, sagt er und lacht. Mittlerweile müsse er nicht mehr jeden Abend unterwegs sein.

Vor der großen Kamera, die längst im Lichthof aufgebaut ist, spricht er aber über etwas anderes: „Ich habe einen guten Job gleich in der Nähe bekommen und es passt alles super“, antwortet Wowtscherk auf die Frage nach dem Rückkehrer-Grund. Gestellt hat sie Marija Skvosnikova. Als Vorsitzende des Jugendstadtrates hat sie den Hut für einen ganz besonderen Videodreh auf: Derzeit entsteht ein Imagefilm über Hoyerswerda rund um die Rückkehrer-Thematik. Die Aufnahmen von Christoph Wowtscherk sollen in das Projekt einfließen.

„Es ist eine gute Initiative, die ich gerne unterstütze“, sagt er, als alles längst im Kasten ist. Generell, so findet Wowtscherk, ist Hoyerswerda eine Stadt mit vielen engagierten Menschen. „Man muss sich seinen Platz hier aber schon ein wenig suchen und sich dafür selber aktiv umschauen“, resümiert der 31-Jährige. Bei ihm habe das gut funktioniert.

Auch ein Rückkehrer-Plus: Die Familie wohnt hier, enge Freunde leben in Dresden und Cottbus – also „nicht so weit weg“, wie er sagt. „Außerdem“, stellt er fest, „kommen langsam viele wieder zurück und gründen in der Heimat eine eigene Familie.“ So greife der Jugendstadtrat mit dem Film ein Thema auf, was er selber auch stark wahrnimmt. „Viele treffen die Entscheidung ganz bewusst“, weiß er. Anders als bei ihm damals. „Wer Kinder bekommt, hat in der Heimat die Unterstützung der Familie.“ Für viele alles andere als irrelevant. „Außerdem ist die Lage gut. Selbst bis in größere Städte ist es nicht weit. Und es gibt Jobs“, zählt er die Vorteile einer Rückkehr auf.

Er selbst betreut bundesweit Demokratie-Projekte und begleitet Fördermittelvergaben. Sitz der „Regiestelle“ ist der 30 Kilometer entfernte Ort Schleife. Für ihn passt alles. Auch wenn Hoyerswerda durchaus eine Stadt ist, „an der man sich reibt“. Durch die Doktorarbeit und die Rückkehr hat er die Zusestadt noch einmal neu entdecken dürfen. Bewusst beschäftigt er sich auch politisch mit Themen, die die Stadt betreffen. Strukturwandel und Wirtschaft, Kultur und Vereine. „Das sind alles Belange, die Hoyerswerda nun mal berühren“, sagt der Historiker, der als Student selber nicht an seine Rückkehr geglaubt hätte. „Aber Hoyerswerda will einen einfach nicht so richtig loslassen.“ Andererseits, bemerkt Wowtscherk mit einem Augenzwinkern, kann man sich auch wunderbar über diese Stadt ärgern – wie über keine zweite. Für „echte Heimatverbundene“ scheint das wohl irgendwie dazu zugehören.