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| 01:00 Uhr

„Aufmerksam, aber nicht verkrampft“

Hoyerswerda.. „Befassen Sie sich mit dem Thema Videospiele, reden Sie mit Ihren Kindern darüber, aber lassen Sie sich nicht verrückt machen.“ Das war der Rat, den Referent Dr. Herbert Grunau den Teilnehmern des Jugendmedienschutztages gestern im Hoyerswerdaer Schloss mit auf den Weg gab. Bereits zum vierten Mal wurde dieser Tag, der sich diesmal rund um die virtuelle Welt der Computerspiele drehte, von der Sächsischen Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) veranstaltet. Von Rebecca Kresse

„Immer öfter gibt es Sensationsberichte über die gefährlichen Auswirkungen von Videospielen“ , sagte Grunau. Dabei seien solche Folgen bisher wissenschaftlich nicht erwiesen, sagte er in seinem Vortrag mit dem Titel „Der Bildschirm - Tummelplatz für Freizeitkiller?“ . „Es gibt keine allgemeinen Regeln, wie Sie sich verhalten sollen. Die Spiele sind zu sehr in Bewegung und verändern sich ständig. Was heute interessant ist, ist morgen längst überholt.“ Natürlich gebe es Auswirkungen, wenn ein Jugendlicher stundenlang vor dem Computer sitzt und spielt. Was Grunau aber ablehnt, sind Scheinkausalitäten. Nicht die Computerspiele seien Schuld an den schlechten Schulnoten, wie jüngst in einer Studie behauptet, sondern die Tatsache, dass sich die Eltern dieser Kinder nicht genug darum kümmern, dass die Hausaufgaben gemacht werden oder die Freizeit sinnvoll genutzt werde. „Entscheidend ist das Klima im Elternhaus. Ein Kind, das Pflichten im Haushalt hat und ordentlich seine Schularbeiten erledigt, hat faktisch nicht mehr als eine Stunde täglich Zeit für Computerspiele“ , so Grunau. Der erhöhte Medienkonsum sei meist ein Anzeichen, aber nicht die Ursache von Problemen. Gefährlich werde es da, wo Kinder und Jugendliche ständig vor dem Computer sitzen. Eltern sollten sich, so die Auffassung des Experten, über die Art der Spiele und eine mögliche Altersbegrenzung informieren. Schwierig sei das bei Spielen, die im Internet frei zugänglich sind. Auch hier sei es die Aufgabe der Eltern, sich mit den Inhalten zu befassen.
Die Ausstattung mit neuesten Spielen sei keine Frage von arm oder reich. „Es gibt nichts, was zu teuer oder zu modern ist. Was auf dem Markt ist, ist auch ganz schnell bei den Kindern und Jugendlichen.“ Dafür sei sogar bei Familien Geld da, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Grunau präsentierte dazu die Zahlen einer Studie, über die Ausstattung mit technischen Geräten bei Jugendlichen: „90 Prozent besaßen 2004 mindestens ein Handy, in deutschen Haushalten standen etwa 15 Millionen Spielekonsolen zur Verfügung, auf die 20 Millionen Personen ab einem Alter von zehn Jahren zugriff hatten, 30 Millionen PC-Spiele und 20 Millionen Spielekonsolen wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft.“ Noch immer liege das Fernsehen mit 92 Prozent in der Nutzung der Jugendlichen auf Platz eins. „Das war in der Vergangenheit so, ist derzeit nicht anders und wird sich auch in Zukunft wohl nicht ändern“ , so Grunau. Im Gegensatz dazu spielen 59 Prozent gelegentlich Computerspiele, 75 Prozent bis zu fünf Stunden wöchentlich und zehn Prozent mehr als zehn Stunden wöchentlich. Wichtig sei es, bei den Kindern und Jugendlichen nachzuhaken, die übermäßig - das ist für Grunau mehr als eine Stunde täglich - vor den Computerspielen sitzen. „Nehmen Sie das Thema ernst, seien Sie aufmerksam, aber nicht verkrampft“ , sagte der Wissenschaftler.
Das Vorurteil „Computerspieler seien Einzelgänger, kapseln sich von der Umwelt ab und seien dumm“ , versuchte Kai-Thorsten Buchele von der Universität Leipzig in seinem Vortrag „Ich spiele gern und bin immer noch normal - Die Sichtweise eines Selbstversuchers“ zu entkräften. „Es ist mittlerweile nachgewiesen, dass das Hauptziel der Jugendlichen darin liegt, sich mit anderen zu messen“ , so der Medienwissenschaftler. Wenn der Nachwuchs alleine zu Hause spiele, sei das lediglich zur Übung für die realen Matches mit ihren Freunden.
Die meisten Teilnehmer des Jugendmedienschutztages, hauptsächlich Erwachsene, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, hatten selbst noch keine Computerspiele genutzt. Das ergab eine spontane Umfrage von Buchele. Um sie mit diesem Medium vertraut zu machen, präsentierte er Spiele der verschiedenen Genres. Denn, so die einhellige Meinung der Referenten: „Dieser Markt wird in Zukunft weiter wachsen.“