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| 01:09 Uhr

Auf Spurensuche in Hoywoy

Hoyerswerda.. Andrea Moses, die junge Berliner Theater-Regisseurin, hat ihre dunklen Haare zu zwei mädchenhaften Zöpfen gebunden. Gleich wird sie sich in Gespräche mit Menschen vertiefen, die doppelt so alt sind wie sie und schon über ein halbes Leben hier in Hoyerswerda wohnen. „Was wir hier tun, ist ein Experiment. Wir sind selbst gespannt, was dabei herauskommt“ , sagt die 31-Jährige, die im Rahmen des Kunstprojektes „superumbau“ eine Theaterinszenierung in der kreisfreien Stadt plant. Nicht mit Schauspielern irgendwelcher Staatstheater, nicht mit abgeklärten Profis der Großstadt-Szene, sondern mit Laien, die hier in der Stadt ihren Lebenskreis haben. Von Catrin Würz

Gestern war Tag eins des Theaterprojektes: das Casting begann. Kein Casting, bei dem man Popstar-Eigenschaften nachweisen muss, sondern eines, bei dem Andrea Moses und ihr Dramaturg Holger Kuhla möglichst behutsam der Persönlichkeit und der Lebens erfahrung der Hoyerswerdaer Bewerber auf die Spur kommen wollen. Zehn Frauen und Männer sind für diesen ersten von zwei Casting-Tagen eingeladen. „Es geht vor allem auch um Sie. Wir wollen erfahren, warum Sie in diese Stadt gekommen sind, warum sie immer noch hier sind und wie sie die jetzige Situation des Rückbaus der Stadt erleben“ , stellt die Regisseurin ihre Frage. Das werden vielfach spannende Geschichten sein, glaubt die Theaterfrau. Und für die geplante Inszenierung nicht ohne Bedeutung. Denn ausgewählt wurde das Stück „Kap der Unruhe“ des DDR-Dramatikers Alfred Matusche. Darin geht es um einen Kranfahrer, der solch eine neue Stadt mit aus dem Boden stampft und schließlich vor die Entscheidung gestellt wird, in dieser Stadt sesshaft zu werden – er entscheidet sich dagegen. . .
Wilfriede Lienig und Christine Gburek sind vor mehr als 30 Jahren ganz bewusst in diese täglich wachsende Stadt gekommen. „Hier gab es Wohnungen, hier gab es Kindergartenplätze – und hier waren damals alle jung“ , erinnern sich die beiden ersten Casting-Teilnehmerinnen. Viele Menschen verbinden mit dieser Stadt ihre Jugend und den größten Teil ihres Lebens. Und es schmerzt, wenn vieles davon jetzt kaputt geht oder einfach weg ist. Regisseurin Andrea Moses hört den beiden Frauen gespannt zu. Christine Gburek war 1970 schon als 18-Jährige in die Stadt gekommen, als sie gerade ihre Kindergärtnerinnen-Lehre abgeschlossen hatte. Später arbeitete sie viele Jahre als Erzieherin im Lehrlingswohnheim in Schwarze Pumpe. „Überall wurde damals geworben, in diese neue Stadt Hoyerswerda zu ziehen“ , erinnert sie sich. Wilfriede Lienig zog 1968 hierher, in eine damals ganz neue Wohnung. „Ein Erstbezug. Alles war nagelneu, ein Bad mit Badewanne – für eine junge Familie war das damals wunderbar“ , weiß sie noch. Ihr erster Wohnblock in Hoyerswerda ist heute jener, der just zum „superumbau“ -Kunstprojekt abgerissen wird: die Merzdorfer Straße 14 bis 18. – Eine Ironie des Schicksals.
Die beiden Frauen lesen noch einen Monolog aus dem Matusche-Theaterstück – und Andrea Moses ist schon zufrieden. „Wir melden uns bei Ihnen, wie es weitergeht“
Die nächste Gruppe der Casting-Teilnehmer kommt gleich im „Fünferpack“ . Die „Farm-Oldies“ sind eine Laienspielgruppe, die auf der Kinder- und Jugendfarm zu Hause ist. „Uns geht es vor allem um die Theaterarbeit. Wir können sicher noch was lernen“ , sagt Ingeborg Röhl noch vor dem Casting. Doch dann erzählt auch sie und ihre vier Begleiterinnen vom Leben in Hoyerswerda. Von der „Zwischenbelegung“ , die man in Kauf nehmen musste, bis die Wohnung fertig gebaut war. Von den Kombinationen mit Kaufhalle, Kindergarten und Schule, die es in jedem Wohnkomplex gab. Ingeborg Sornik erinnert sich, wie sie mit ihrer Familie ein paar Jahre zu fünft in einer Zweiraumwohnung lebte, bevor sie eine größere Wohnung zugewiesen bekamen. „Wir waren dort trotzdem glücklich“ .
Regisseurin Andrea Moses hört weiter zu. Noch viele andere rührende Geschichten wird sie an diesem Tag erfahren – und weitere bei einem zweiten Casting in der Kulturfabrik. Was sie und die Hoyerswerdaer daraus machen werden, bleibt abzuwarten, bleibt spannend. „Es ist eben ein Experiment.“