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Asylbewerberheim Neukirch: Betreiber zieht sich zurück

Das künftige Asylbewerberheim in Neukirch ist von einem hohen Zaun umgeben, Kameras bewachen das Gelände. Die Fassade trägt Spuren von Farbbeutelattacken.
Das künftige Asylbewerberheim in Neukirch ist von einem hohen Zaun umgeben, Kameras bewachen das Gelände. Die Fassade trägt Spuren von Farbbeutelattacken. FOTO: Uwe Menschner/ume1
Neukirch. Kurz vor dem Bezug der Flüchtlingsunterkunft in Neukirch macht der Betreiber einen Rückzieher. Nun rückt eine Firma nach, die bereits in Hoyerswerda ein Heim führt. Die Unterkunft ist mittlerweile nicht mehr mitten im Ort, sondern am Rand von Neukirch vorgesehen und wird kleiner ausfallen als ursprünglich geplant. Bei einer Einwohnerversammlung fielen harte Worte. Uew Menschner / ume1

Die KVW Beherbergungsbetriebe GmbH mit Sitz in Bad Wildungen (Hessen) wird das neu eingerichtete Asylbewerberheim in Neukirch/Lausitz nicht betreiben. "Das Unternehmen hat den Betreibervertrag nicht unterzeichnet", bestätigte die Pressesprecherin des Landratsamtes Bautzen, Franziska Snelinski, auf Anfrage. "Dies bedeutet, dass die Firma Loeser Net als Zweitplatzierter der Ausschreibung das Heim betreiben wird", so die Sprecherin weiter.

Erfahrung auch in Hoyerswerda

Dabei handelt es sich nach eigener Darstellung um eine "Unternehmensberatung und Dienstleister für modernes Bildungsmanagement" mit Sitz in Freital und Niederlassung in Bautzen. Zu den Kompetenzen zählt demnach der Deutschunterricht für Ausländer. Das Unternehmen betreibt bereits eine Notunterkunft für Asylbewerber in Hoyerswerda. Verzögerungen im Zeitplan aufgrund des Betreiberwechsels gibt es laut Franziska Snelinski nicht. Im Gegenteil: "Bisher hatten wir kommuniziert, dass die ersten Asylbewerber in der 18. Kalenderwoche ankommen. Je nach Zuweisung von der Erstaufnahmeeinrichtung kann das jetzt auch schon in der 17. Kalenderwoche - also zwischen dem 20. und 26. April - geschehen."

Die KVW Beherbergungsbetriebe GmbH bestätigt, dass sie sich von der Betreibung des Heimes distanziert. Der Grund dafür sei, dass "alles sehr eng getaktet ist", erklärt das Unternehmen, ohne dies näher erläutern zu wollen. Betriebswirtschaftliche Überlegungen seien nicht Ausschlag gebend gewesen. Auch die Einwohnerversammlung am Donnerstag der vergangenen Woche, bei der ihm von Teilen der Anwesenden große Ablehnung entgegenschlug, sei nicht der Grund für den Schritt: "So etwas gibt es überall, und wenn das Heim eine Weile besteht, gehen die Gegenstimmen zurück."

Um die Einrichtung des Asylbewerberheimes in Neukirch gibt es seit Bekanntwerden der Pläne im Dezember 2013 heftige Diskussionen bis hin zu Anfeindungen an die Adresse von Politik und Verwaltung. Neukirch war die erste Landgemeinde des Kreises Bautzen, die sich mit dieser Problematik konfrontiert sah. Eine Einwohnerversammlung in der vergangenen Woche machte deutlich, dass die Ablehnung bei Teilen der Bevölkerung groß ist. Bürgermeister Gottfried Krause (CDU) ist sich wohl darüber im Klaren, dass er den "harten Kern" der Neinsager nicht mit ins Boot bekommt, wenn es in den nächsten Wochen darum geht, eine "Willkommenskultur" für die zunächst 50 neuen Einwohner, die das frühere Lehrlingswohnheim am nördlichen Ortsrand beziehen, zu etablieren. So eindringlich er die Bürger seiner Gemeinde auch beschwor, sich nicht "zu spalten und weiter zusammenzustehen", erntete er aus den hinteren Reihen doch nur höhnisches Gelächter und nicht abdruckfähige Zwischenrufe. Dabei hat der Bürgermeister beileibe nichts unversucht gelassen, die "Belastung" für seine Gemeinde möglichst gering zu halten.

Kleiner und an Rand gerückt
Der vehemente Einspruch der Gemeinde hatte dazu geführt, dass der Landkreis die ursprünglichen Pläne für eine Asylunterkunft im früheren Hotel "Hofgericht" - mitten im Ort - fallen ließ. Stattdessen einigte man sich auf das abseits gelegene frühere Lehrlingswohnheim der F+U-Bildungsgesellschaft. Auch hinsichtlich der Belegung erwies sich Gottfried Krause im Verbund mit seinem Gemeinderat als hartnäckiger Verhandler und geschickter Taktierer. Von der ursprünglich angedachten Zahl von 120 Asylbewerbern ist gegenwärtig keine Rede mehr. An der Aufstockung von zunächst 50 auf 90 Bewohner hält der Landkreis Bautzen jedoch fest.

Neben denen, die pauschal "nein" sagen, gibt es auch zahlreiche Neukircher, die der Unterbringung von Asylbewerbern zwar skeptisch, aber doch aufgeschlossen für Argumente entgegenblicken. Laut Bürgermeister gibt es auch Personen, die aktiv helfen wollen - allerdings meldete sich niemand aus diesem Personenkreis zu Wort.

Zum Thema:
Eine politische Verständigung zum Zusammenleben veranstalten die Stadt Kamenz und die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung am heutigen Donnerstag. Dabei geht es um die gegenseitigen Erwartungen: Was können Gastgeber von Fremden erwarten, was können Fremde als Gäste von den Einheimischen erwarten? Diskutiert wird in Form der "Fishbowl-Methode", die sich nach Angaben von Museumsleiter Matthias Hanke bei Debatten in Dresden bewährt habe. Die Sitzordnung gleicht einem Goldfischglas, um das die Teilnehmer im Kreis sitzen. In der Mitte sitzen die vier Gesprächsteilnehmer, die ein Thema bereden. Jederzeit könne - nach bestimmten Regeln - ein Teilnehmer in den Innenkreis wechseln und seine Meinung äußern und aktiv mitdiskutieren, so Hanke. Diskutiert werden können aktuelle Probleme der Asylpolitik. Mit dieser Veranstaltung könnte der Auftakt für weitere Diskussionsrunden dieser Art geschaffen werden, deutet Hanke eine Fortsetzung an. Zu den Teilnehmern gehören Frank Richter, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Justus H. Ulbricht von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung sowie Prof. Karl-Siegbert Rehberg von der Technischen Universität Dresden. Donnerstag, 16. April, 19.30 Uhr, Ratssaal Rathaus Kamenz