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| 18:27 Uhr

Tattoo-Trends
Arschgeweih und Tribal waren gestern

Heiko Weber (41) hat seit zwölf Jahren seinen eigenen Tattoo-Laden in Bernsdorf. Er sagt: „Die Tattoo-Motive werden immer beliebiger.“
Heiko Weber (41) hat seit zwölf Jahren seinen eigenen Tattoo-Laden in Bernsdorf. Er sagt: „Die Tattoo-Motive werden immer beliebiger.“ FOTO: Tattoostudio Painter
Bernsdorf. Mandalas und geometrische Zeichnungen sind die Renner in der Tattoo-Szene. Genau wie die Willkür der Motivwahl. Das ist auch im  Bernsdorfer Studio „Pain’ter“ zu beobachten. Von Anja Hummel

Als sich Sängerin Rihanna vor einigen Jahren Sterne am Hals tätowieren ließ, hat es nicht lange gedauert, „da stand das erste Mädchen im Laden und wollte das gleiche Tattoo haben“, erzählt Heiko Weber. Der selbstständige Tätowierer bezeichnet sich auch als „guten Psychologen“. Seit zwölf Jahren hat er seinen eigenen Laden in Bernsdorf. „Pain’ter“ nennt er sich, auf Deutsch bedeutet das so viel wie „Maler“.

 Vor Tattoo-Trends wie den „Rihanna-Sternen“ am Hals, Namenswidmungen für den Geliebten oder schlauen Lebensweisheiten auf dem Unterarm bewahrt er seine Kunden des Öfteren. „Ich tätowiere nicht alles, ich frage schon genau nach“, sagt der 41-Jährige. Seine Verantwortung ist ihm bewusst. „Andererseits bin ich auch Dienstleister, der Kundenwünsche erfüllt.“ Was er vehement ablehnt: rechtsradikale Symbole. Hin und wieder komme es schon zu solchen Nachfragen.

 Der aktuelle Trend im Bernsdorfer Laden sieht glücklicherweise anders aus: viele geometrische Zeichnungen, Mandalas und Aquarell-Bilder. „Immer mehr Leute lassen sich ihre alten Tattoos covern“, so der gebürtige Dresdner. Kein Wunder, sagt er. „Jeder kann ein Studio aufmachen und sich als Tätowierer bezeichnen.“ Die Ergebnisse lassen grüßen.

Maik Frey kann das nur bestätigen. Der Pressesprecher von Deutschlands erstem Tätowierer-Verband namens „DOT“ sagt: „Man muss sich für einen eigenen Laden nur einen Gewerbeschein besorgen.“ Nach Schätzung des Verbandes gibt es aktuell etwa 7500 Tattoostudios in Deutschland, Tendenz steigend. „Und davon sind nur 20 Prozent wirklich professionell“, ist Frey überzeugt. Mit Hygiene, Handwerk, Kunst und Zuverlässigkeit nennt er nur einige der Kriterien, die es für einen guten Tätowierer braucht. „Als Verband wünschen wir uns schon gewisse Regeln.“ Ein Gesundheitscheck zum Beispiel oder eine Ausbildung bei einem Profi. So etwas wie eine offizielle Ausbildung gibt es aber gar nicht. „Der Job als Tätowierer hat viel mit Verantwortung und Nachdenken zu tun“, sagt der 62-Jährige, dessen Laden in Esslingen bei Stuttgart ist.

Doch egal ob in Baden-Württemberg oder Sachsen, die Trends sind identisch: „Anders als früher lassen sich die Menschen eher für andere tätowieren“, muss Heiko Weber immer wieder feststellen. Die Motive: seltener individuell, immer öfter „von der Stange“. „Innerhalb von zwei Jahren lassen sich die Leute ohne Sinn und Verstand von oben bis unten anmalen“, kritisiert er. Kollege Maik Frey kann nur zustimmen. „Tattoos dienen immer öfter der Selbstdarstellung.“ Unterarm, Handwurzel und sogar das Gesicht – die Körperstellen werden immer expliziter.

Nicht bei Marko Bittner. Zwar verbringt der 39-Jährige jede freie Minute im Tattoo-Studio, eine „Körperbemalung“ hat er nicht. Seit gut zwei Jahren tätowiert er selber. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden“, gibt er zu. Außerdem sei es mittlerweile fast cooler, gar kein Tattoo zu haben. Regelmäßig bietet er sein Handwerk im Bernsdorfer „Pain’ter“ an. Als Weihnachtsgeschenk hat er von Chef Heiko einen Tattoo-Ärmel bekommen. Marko Bittner lacht. „Den Kunden ist es im Endeffekt egal.“ Eine Seltenheit sei der Kollege aber in der Tat, sagt Heiko Weber. Er zumindest kenne keinen anderen tattoolosen Tätowierer. Und auch sonst gibt es immer weniger Menschen ohne verewigte Körperkunst. „Tattoos sind einfach gesellschaftsfähig geworden“, sagt Heiko Weber. Laut Statistik-Portal Statista ist mittlerweile jeder vierte Deutsche tätowiert. „Ende der 80er-Jahre ging der Boom los“, sagt Maik Frey vom Tattoo-Verband. Damals begann alles mit Adlern, Rosen und Seemannsgräbern. Zwischendurch waren Tribals und Arschgeweihe dran, dann kamen die Sternchen ganz groß raus. Aktuell, so Frey, führen die Mandalas die Charts der Frauen an. Männer stehen auf polynesische Zeichen, den „Maori-Stil“. Und insgesamt sind alle möglichen Schriftzüge gefragt.

„Männer sind übrigens schmerzempfindlicher als Frauen“, stellt Heiko Weber fest. Das äußert sich in Zähneknirschen, Schweißausbrüchen und ständigen Pausen. Dass die Tattoo-Trends regional beeinflusst werden, kann er allerdings nicht bestätigen: „Eine Gewürzgurke habe ich bis jetzt noch niemandem tätowiert.“

Marko Bittner (39) aus Herrnhut ist Gasttättowierer im Bernsdorfer Studio. Weil er sich nicht entscheiden kann, hat er selber bisher kein einziges Tattoo.
Marko Bittner (39) aus Herrnhut ist Gasttättowierer im Bernsdorfer Studio. Weil er sich nicht entscheiden kann, hat er selber bisher kein einziges Tattoo. FOTO: LR / Anja Hummel
Auch im Trend: „Aquarell-Tattoos“.
Auch im Trend: „Aquarell-Tattoos“. FOTO: LR / Anja Hummel
Tattoos mit geometrischen Elementen sind immer häufiger nachgefragt.
Tattoos mit geometrischen Elementen sind immer häufiger nachgefragt. FOTO: LR / Anja Hummel