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| 01:27 Uhr

Am Grenzstein des sächsischen Fürsten

Spreetal/Zerre.. Der Landrat Michael Harig (CDU) war sich schon bei seiner Antrittspressekonferenz am 1. August ganz sicher, als er unter Berufung auf den Kreisentwicklungsplan verkündete: Der nördlichste Punkt des neuen Großkreises Bautzen liege in der Gemeinde Elsterheide, irgendwo bei Sabrodt/Bluno, im Seenland. Tatsächlich liegt der „Nordpol“ des Kreises jedoch in Spreetal/Zerre. In einer Serie stellt die RUNDSCHAU die Eckpunkte des Kreises vor. Von Uwe Jordan


  „Der damalige Grenzstreit füllt mehrere Aktenordner,die noch heute in Senftenbergeingesehen werden können“
 Grenz-Fachmann Wolfgang Ochsler


Aber zuvor hatte der Tourismusmanager der Elsterheide, Matthias Müller, abschlägige Antwort gegeben: So gerne sich die Elsterheide mit dem Titel des Nordlichts schmücken würde – der gebühre dem östlichen Spreetal! Erstaunen pur: Das ließen die Karten auf den ersten Blick so nicht erkennen.
Ja – man muss nur die richtige(n) Karte(n) haben – so wie Thomas Kappert, der Leiter des Forstreviers Spreewitz. Der stieg kurzerhand mit mir in seinen geländegängigen Nissan und steuerte Brandenburg an. Wenn man ins Nachbarland, in Spremberg-Trattendorf, einrollt, geht es ein paar hundert Meter später nach rechts; vorbei am Spremberger Wasserwerk und über ein Wege-System, das nur der Forstmann aus dem ff beherrscht. Ich hätte völlig die Orientierung verloren, aber Kappert hält nach mehreren verwirrenden Richtungswechseln im schweren Gelände am Rande einer Lichtung und marschiert zielstrebig in den Wald.

Ein geheimnisvolle Inschrift
Noch ein kleines Weilchen, dann taucht ein Hügelchen auf, mitten auf diesem ein roh behauener Granitblock. Drei Seiten sind blank, aber wer von Norden, vom brandenburgischen Spremberg her, auf ihn schaut, kann trotz Verwitterung und Moos recht deutlich lesen: „JC“ , „Z30“ , dann zwei gekreuzte Schwerter und ganz unten „JSZ“ . Glaube ich zumindest. Kappert widerspricht nicht. Es könne ein Jagen- oder Grenzstein sein; genau wisse er es nicht; was er aber wisse, sei, dass dieser Punkt in seinem Revier und der Gemarkung Zerre der nördlichste Punkt Spreetals, mithin der nördlichste Punkt des neuen Landkreises Bautzen sei.
Der wackere Forstmann weiß noch so manches über sein Revier zu erzählen: 7500 Hektar Waldfläche messe es; sei eine Art „grüne Lunge“ für die umliegenden Gemeinden, nicht zuletzt die Städte Spremberg und Hoyerswerda. Pilze und Beeren ( „aber nur für den Eigenbedarf...“ ) gebe es hier reichlich. Kapperts Hauptsorgen sind seit dem Ende der militärischen Nutzung, die zu DDR-Zeiten 97 Prozent aller Brände verursachte (was freilich so nie gesagt werden durfte), Kapperts Hauptsorge also sind nicht mehr die Waldbrände (möge es so bleiben), sondern in den Wald geworfener Müll und Reiter, die abseits der ausgewiesenen Reitwege mit ihrem Gaul durch den Wald staksen und die Wald- und Forstwege zerstören – für die Holzwirtschaft ist der Wegeschaden ein Ärgernis. „In den Wald geht man“ , postuliert Kappert; Reiter auf Abwegen oder Gefährte (abgesehen von Rädern und Krankenfahrstühlen) hat er nicht so gerne im Revier.
Das erfreut sich übrigens ständig steigender Beliebtheit: Kappert hat ausgemacht, dass Jahr für Jahr mehr Besucher den Wald nutzen – zum Sammeln von Wildfrüchten, aber auch einfach nur zur Erholung. Trotz der Wölfe, die es hier gibt. Die würden den Menschen meiden, sagt Kappert. Rotwild weiche den Graupelzen aus, und Wildschweine haben sich auf Isegrim eingestellt: Waren früher Rotten von zehn Schwarzkitteln schon eine Großfamilie, ziehen die Tiere heute in Haufen von 40, 50 Stück durch den Wald – beim Angriff auf solch einen wehrhaften Verband haben Wölfe schlechte Karten.
Aber nicht nur der Wald sei ein Spreetaler Schatz, weiß Kappert: „Hier gibt es viele schöne Eckchen.“ Die Hochkippen, von denen aus man eine hervorragende Rundsicht habe. Das gut ausgebaute Radwegenetz. Die Seen (allen voran der Bernsteinsee). Die Spree. Die Landschaft in Richtung Lohsa II, nicht zu Unrecht „Klein Skandinavien“ geheißen. Gastliche Häuser, die außer Kulinarischem auch die Pflege sorbischer Traditionen bieten – wie der „Hammer“ oder die „Sorbenscheune“ im Ortsteil Neustadt (Spree). Von Spreetal aus lohnt sich auch ein Ausflug zum Vattenfall-Kraftwerk nach Spremberg-Schwarze Pumpe, dessen Aussichtsplattform in 161 Metern Höhe Deutschlands dritthöchstes Industriegebäude ist und Besuchergruppen offensteht (nur auf Voranmeldung unter 0 35 64/35 33 17).

Ein Vierteljahrtausend her
Ja – aber der Stein? Rat weiß der Dresdener Grenz-Spezialist Wolfgang Ochsler. Er lacht über meine Deutungsversuche. Was ich für ein „J C“ gehalten habe, sei ein stilisiertes „H“ für „Herrschaft Hoyerswerda“ ; das „Z30“ eine „230“ ; die Schwerter sind die kursächsischen und das vermeintliche „JSZ“ ist eine Jahreszahl 1752, der durch Absplitterung oder Verwitterung die „1“ abhanden kam. Es sei ein im Jahr 1752 gesetzter Grenzstein, der das zum Markgraftum Oberlausitz gehörende Hoyerswerda vom zur Markgrafschaft Meißen gehörenden Amt Senftenberg schied. Diese Steine sind das Resultat über 150-jähriger Grenzstreitigkeiten seit 1588. Zwar gehörten beide Ämter zu Sachsen, aber Streit um die Ämter-Grenze zwischen Scado (heute abgebaggert) und Geierswalde (Elsterheide!) führte zu hässlichen, laut Überlieferung blutigen Auseinandersetzungen über Hutungs- (Weide-) und Holzrechte – bis der sächsische Kurfürst im Jahr 1752 mit 236 in unregelmäßigen Abständen gesetzten Steinen die Grenze markieren ließ. Der Spreetaler Stein ist fast der letzte der Reihe – ein ziemlich unspektakulärer: Die strittigste Linie lag zwischen den Steinen Nr. 170 bis 176.
Vielleicht finden Sie ja bei einem Ihrer nächsten Wald-Ausflüge nicht nur unseren Spreetaler Stein 230, sondern noch weitere verschollen geglaubte Zeitzeugen, die seit einem Vierteljahrtausend (Grenz-) Geschichte bewahren?

Zum Thema Spreetal
Vorgeschichte: Lusizer und Milzaner lebten hier im 6. Jhdt.; eine Besiedlung in heutiger Form erfolgte im 12. bis 14. Jahrhundert.
Gründung: 1. Januar 1996
Einwohner: 2155
Größe: 108,73 km 2
Ortsteile: Burg, Burghammer, Burgneudorf, Neustadt (Spree), Spreetal, Spreewitz, Spreewitz Siedlung und Zerre
Lage: zwischen Spremberg und Hoyerswerda an der B97
Besonderheit: Durch den Ortsteil Spreetal verlief die sächsisch-brandenburgische Grenze. Die Bürger wählten Nichtteilung und den Verbleib in Sachsen.
Bürgermeister: Manfred Heine (CDU) www.spreetal.de