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Lauta Dorf
„Am Abend bin ich dann k.o.“

Pfarrer Norbert Krüger (61) aus Lauta Dorf gehört zu denjenigen, die während der Weihnachtstage besonders viel zu tun haben. Das, sagt er, müsse aber jeder in Kauf nehmen, der Pfarrer werden will.
Pfarrer Norbert Krüger (61) aus Lauta Dorf gehört zu denjenigen, die während der Weihnachtstage besonders viel zu tun haben. Das, sagt er, müsse aber jeder in Kauf nehmen, der Pfarrer werden will. FOTO: Sascha Klein / LR
Lauta Dorf. Pfarrer im ganzen Land haben zu Weihnachten eine Mammut-Aufgabe vor sich – so auch Norbert Krüger aus Lauta Dorf. Während andere besinnlich werden wollen und endlich zur Ruhe kommen, herrscht bei den Pfarrern Hochdruck. Von Sascha Klein

Kurz vor Heiligabend: Ist der Baum geschmückt? Sind alle Lieben mit Geschenken bedacht? Ist der Weihnachtsbraten gekauft? Im letzten Moment noch einen halben Stollen besorgen – es könnte ja nicht reichen. Bei solchen Sorgen kurz vor dem Fest muss Norbert Krüger lächeln. Der Pfarrer aus Lauta Dorf steht vor den vermutlich arbeitsreichsten Tagen des Jahres, wie jedes Jahr. Krüger kennt das Prozedere schon. Der 61-Jährige ist seit 1989 Pfarrer und inzwischen für sieben Gemeinden in Sachsen und Brandenburg zuständig: Lauta Dorf, Lauta-Stadt, Leippe, Torno, Sedlitz, Großkoschen und Bahnsdorf.

Trotzdem sind die Weihnachtstage für jede Pfarrerin und jeden Pfarrer eine Herausforderung. Zu Weihnachten sind die Kirchen so voll wie sonst nie im Jahr. Es wird etwas erwartet. Vor allem, dass der Pfarrer so viel Zeit wie möglich für jeden einzelnen hat. Doch gerade zu Weihnachten ist das für Geistliche, die auf dem Land arbeiten, nahezu unmöglich. Norbert Krüger kennt seine Gottesdienst-Termine aus dem Kopf: „Am Heiligabend bin ich um 15 Uhr in Großkoschen, um 16 Uhr in Lauta Dorf und um 18 Uhr in der Lautaer Stadtkirche“, sagt er. Dreimal Gottesdienst innerhalb von drei Stunden – ein Kraftakt. „Vor 20 Uhr war ich am Heiligen Abend eigentlich nie zu Hause“, sagt er.

Die Vorbereitungen dafür beginnen schon viel früher. In der Woche vor dem Fest muss Norbert Krüger überlegen, was er der Gemeinde sagt – und wie er es sagt. Das ist Büroarbeit. In diesem Jahr gibt es in Lauta Dorf nur eine Andacht, weil die Kirche wegen der Bauarbeiten nicht zur Verfügung steht. Gottesdienst gefeiert wird vor dem Pfarrhaus. Also bereitet Krüger drei verschiedene Gottesdienste vor. Zum Weihnachtsgottesdienst sollten Pfarrer auch nicht zu dünn angezogen sein. Denn: In den meisten Kirchen ist es kalt. Drei Gottesdienste bedeuten rund vier bis fünf Stunden in der Kirche. Und dort ist es in der Regel kälter als draußen.

Doch Norbert Krüger möchte gar nicht über den Weihnachtsstress klagen: „Da bin ich noch privilegiert. Jedem, der Pfarrer werden möchte, muss klar sein, dass er sehr wenige Feiertage hat“, sagt er. Bis auf den 1. Mai und den 3. Oktober seien so gut wie alle Feiertage kirchlich. „Außerdem arbeiten nicht nur wir Pfarrer. Ob bei der Polizei, bei der Bahn oder im Krankenhaus – überall gibt es Menschen, die während der Weihnachtsfeiertage nicht zu Hause sein können.“ Zudem, sagt Krüger, sei er bei der Vorbereitung der Gottesdienste kein Alleinunterhalter: „Es würde nicht funktionieren, wenn es nicht in jeder Gemeinde einen Stamm von Helfern geben würde, die genau wissen, wann was zu tun ist“, sagt er.

Trotz aller Hilfe in den Gemeinden: Der Heilige Abend geht an Norbert Krüger nicht spurlos vorbei. „Am Abend bin ich dann k.o., wenn ich nach Hause komme“, sagt er. Irgendwann nach 20 Uhr gibt es erst einmal Abendbrot. Typisch für Weihnachten: Bockwurst und Kartoffelsalat. Das ist einerseits Tradition, andererseits geht es schnell. Anschließend gönnt sich Norbert Krüger ein wenig Zeit für sich. Er ruft Freunde an, hört Musik – zumindest etwas Entspannung. Doch später am Abend stehen noch die letzten dienstlichen Aufgaben an: das Kollektenbuch pflegen und die Unterlagen für den nächsten Tag bereitlegen. Denn an den anderen Weihnachtsfeiertagen ist Gottesdienst in den anderen Gemeinden, am 25. Dezember in Lauta Stadt und am 26. Dezember in Sedlitz und Allmosen. Am 27. Dezember wird in Lauta Dorf Gottesdienst gefeiert.

Bei aller Terminfülle habe er sogar noch einen Vorteil gegenüber anderen Pfarrern, sagt Krüger: „Als Junggeselle habe ich keinen Familienstress.“ In anderen Pfarrersfamilien sei es so, dass Kinder Vater oder Mutter während der Weihnachtstage kaum zu Gesicht bekämen, weil sie häufig unterwegs sind. Immer wieder bekommt der Lautaer Pfarrer für die Weihnachtstage Einladungen innerhalb seiner Gemeinde, zum Mittagessen oder zum Kaffee. Meist lehnt er sie jedoch dankend ab. Denn die wenigen Stunden, die bleiben, gehören ihm.

Wer glaubt, nach den Feiertagen nehmen sich die Pfarrer eine Weihnachts-Auszeit, der irrt. Zwischen Weihnachten und Neujahr schlägt der Alltag wieder zu. Bei der Kirche ist es nicht anders als in Verwaltungen und Unternehmen: Dann steht der Jahresabschluss an und das Verwaltungsamt meldet sich.