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Als Tankwarte die Hoyerswerdaer negierten

Reinhard "Pfeffi" Ständer, Reiner Hammerschmidt und Gerhard Schlegel (v.l.) mit Salonleiter Christian Völker-Kieschnick.
Reinhard "Pfeffi" Ständer, Reiner Hammerschmidt und Gerhard Schlegel (v.l.) mit Salonleiter Christian Völker-Kieschnick. FOTO: Mandy Fürst/mft1
Hoyerswerda. Der Erzählsalon Hoyerswerda ist am letzten Mittwoch im Oktober mit einem themenschweren Finale in eine kleine Winterpause gegangen. Acht Hoyerwerdaer besprachen in dem 90-minütigen Dialog ihren Herbst 1991. Mandy Fürst / mft1

"Wer möchte anfangen?", fragt Christian Völker-Kieschnick die kleine Gruppe, die sich im Theaterboden der Kufa um einen langen Tisch versammelt hat. Die Tafel ist ein Stückwerk aus mehreren quadratischen Einzelteilen. Ein weißes Tischtuch soll die Narben überdecken. Auf dem Tuch stehen zwei Kerzen. Sie symbolisieren Vergangenheit und Gegenwart, aus deren Spannungsbogen heraus Geschichten aus dem Leben erzählt werden können.

Mit seinen acht Gästen operierte der Oktobersalon nahezu im Optimum. "Es sollten höchstens zwölf Personen sein", erklärt Christian Völker-Kieschnick, der sich im IBA-Studierhaus Lausitzer Seenland zum Salonnier hat ausbilden lassen. Denn der Erzählsalon ist nicht seine Erfindung. Die Berliner Unternehmerin Katrin Rohnstock hat unter dem Dach ihres gleichnamigen Verlages das Erzählen von sich selbst in Gesellschaft wieder ,salonfähig' gemacht und von der Hauptstadt aus auch in die Lausitz getragen. Erst im Juni waren "Die besten Geschichten aus der Lausitz" im IBA-Studierhaus in Groß Särchen prämiert worden. Die Sujets der neun ausgewählten Erzählungen liefern Annalen, die während zehn Monaten in verschiedenen Salons in der Lausitz erzählt worden waren. "Geschichten können eben nur von den Menschen einer Zeit erzählt werden", findet Christian Völker-Kieschnick.

Nicht jeder Salongast muss von sich berichten. Zumindest aber sollte jeder der Gruppe einen O-Ton geben, warum er dabei ist. Christian Völker spricht von einer Eigendynamik in der Gruppe, die vieles von selbst regele. So kommt auch die Ansprache der jüngsten Teilnehmerin dieser Runde aus dem Kreis. Sie sei nicht zum ersten Mal dabei, sagt Katja Löbmann und erzählt, wegen der Arbeit 2013 von Schirgiswalde nach Hoyerswerda gezogen zu sein und einige Zeit später einen negativen Artikel über die Stadt in einem Magazin gelesen zu haben. Der Tenor des Textes, die Asylbewerber im Heim in der Altstadt hätten "nichts als den Globus" sei kein Beitrag für das Image der Stadt gewesen, fand Katja Löbmann damals. Da sie selbst 1991 erst drei Jahre alt war, habe sie nun von den Hoyerswerdaern selbst von den Ereignissen dieser Zeit hören wollen.

Die aber haben oft selbst zuerst aus den Medien vom Aufruhr in ihrer Stadt erfahren. So erzählen es Ute und Gerhard Walter, die am betreffenden Wochenende nach Berlin verreist waren. So erzählt es Reinhard "Pfeffi" Ständer, der im Club an der Hufelandstraße gerade Künstler aus Berlin zu Gast hatte. Und so erzählt es Reiner Hammerschmidt, der sich jedoch erinnert, wie an seiner Arbeitsstätte, dem Kinder- und Jugendtreff im heutigen Bürgerzentrum, ein unbekannter Junge von der Presse vor unzulässigem Filmmaterial abgefilmt wurde. Darüber sei er bis heute ebenso entsetzt wie über seine Erfahrung vor zwei Jahren, dass Ausländer in Hoyerswerda selbst in Begleitung noch immer angepöbelt werden. Seine Erinnerung, damals als Hoyerswerdaer an Tankstellen im Land kein Benzin bekommen zu haben, teilt er mit Reinhard Ständer, der gesteht, sich aus Scham eine Zeitlang lieber als Cottbuser oder Dresdener denn als Einwohner des als "Nazistadt" verrufenen Hoyerswerda ausgegeben zu haben.

Aus der damaligen Berichterstattung heraus haben Ute und Gerhard Walter sich für ein Leben ohne Fernseher entschieden. Hoyerswerda habe schon immer unter falschen Vorstellungen Außenstehender zu leiden, klagt Gerhard Schlegel. Nur die Menschen könnten eine Stadt über eingebrannte Bilder hinweg liebenswert machen, stellt Christian Völker-Kieschnick abschließend fest.