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| 21:38 Uhr

Hoyerswerda
Als Landarzt in Laubusch stets in der Spur

FOTO: Rainer Könen
LAUBUSCH. Der Laubuscher Mediziner Heiner Münch will, dass ländliche Gebiete attraktiver werden. Von Rainer Könen

Der Koffer mit den Instrumenten ist bereits im Auto. Stethoskop, mobiler Chipkartenleser, Patientenmappen. Alles dabei, was Heiner Münch bei den Hausbesuchen benötigt. Der  Mediziner unterhält in Laubusch, gemeinsam mit Dr. Kerstin Rüger, eine Gemeinschaftspraxis. Eine, die sich an der Hauptstraße in einem Gebäude befindet, in dem sich früher einmal die Sparkasse befand, und deren Räumlichkeiten im oberen Geschoss „für eine Arztpraxis sicher etwas ungewöhnlich aussehen“, wie der Mediziner erklärt. Sprech- und Wartezimmer, Behandlungsräume, alles ein kreisförmig angelegt, durch ein großes Fenster im Dach wird die Praxis lichtdurchflutet, an den Wänden Bilder mit expressionistischen Motiven, alles wirkt hell und freundlich, eine Wohlfühlatmosphäre für diejenigen, die einen Arzt brauchen. Die Patienten, die zu ihm und seiner Kollegin kommen, sollen sich aufgehoben fühlen. Und die, die nicht können, weil sie alt und krank oder nicht mobil sind, die sucht Heiner Münch daheim auf.
Heiner Münch ist Allgemeinmediziner, einer von rund einem Dutzend Landärzten im Altkreis Hoyerswerda. Seit 2005 arbeitet der 51-Jährige als niedergelassener Arzt. Zwischen den Sprechstunden, in der Mittagszeit, ist er auf Tour unterwegs zu den Patienten, fährt er nach Tätzschwitz, Bluno oder Nardt. Sieht er sich als Landarzt? Kopfschütteln. Nicht in der klassischen Form. Also so, wie das Leben von Landärzten in Fernsehserien häufig gezeigt werde, nein, so sei es bei ihm gar keinen Fall. „Was ich erlebe, ist keine Landarzt-Idylle“, erzählt er. Dieses klischeebehaftete Bild vom Landarzt, der viel Zeit habe, bei den Patientenbesuchen immer Kaffee trinke, Kuchen bekomme. Natürlich bekomme er schon mal einen Kaffee angeboten, „aber dafür bleibt einfach keine Zeit“, bedauert er, nicht einmal für einen längeren Plausch reicht es. Alles ist bei ihm genau getaktet. Die Route, die Zeit, die er mit den Kranken verbringt. Natürlich ist er für seine Patienten, 65 Prozent sind älter als 60 Jahre, gerade in einem ländlich geprägten Lebensraum, mehr als nur ein praktizierender Allgemeinmediziner. Er ist der Arzttypus, der den engsten Kontakt zur Allgemeinheit im sozialen Sinne unterhält. Wenn man so will, ist jemand wie Heiner Münch anders als ein Klinikarzt, ist er nicht primär Arzt unter Ärzten, sondern Arzt unter Menschen. Der Landarzt ist folglich immer die erste Adresse seiner Patienten, weil er meist der einzige in der Nähe ist. Davon zeugt manches Mal auch sein breites Einsatzspektrum.
Der gebürtige Hoyerswerdaer arbeitet seit 1994 als Mediziner. Zehn Jahre war er im Hoyerswerdaer Klinikum tätig, bevor er sich in Laubusch niederließ. Als er die Praxis mit der Kollegin übernahm, war ihm klar, dass Hausbesuche ein Bestandteil seiner Arbeit sein werden.
Wer mit ihm spricht, kommt nicht um die seinerzeit vom Gesundheitsminsterium geforderte Landarzt-Quote herum, um den Ärztemangel in der Provinz, der zunehmend kritischer wird. Münch erzählt von der zeitraubenden Bürokratie, die ihn und seine Kollegen verzweifeln lässt.
Laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen fehlen im Freistaat derzeit rund 280 Hausärzte. Und wenn in den kommenden Jahren die Hausärzte, die aus Altersgründen aufhören, keine Nachfolger für ihre Praxen finden, dürfte es auch im Bautzener Landkreis bei der medizinischen Grundversorgung sicher mehr als nur eng werden. Natürlich versuchen die Kassenärztlichen Vereinigungen den angehenden Medizinern das Landarzt-Dasein schmackhaft zu machen. So werden etwa in Sachsen und Sachsen-Anhalt Praxisneugründungen mit bis zu 60 000 Euro gefördert. Doch nach wie vor zieht es den Mediziner-Nachwuchs in die Großstädte, in die Kliniken oder in die Pharmaindustrie. Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Zahl der Hausärzte ist bundesweit seit 1993 um zehn Prozent gesunken, die der Fachärzte um 58 Prozent gestiegen. Nur jeder zehnte Arzt wird Allgemeinmediziner, 90 Prozent qualifizieren sich als Spezialisten. Und die wenigen jungen Mediziner, die aufs Land wollen, die reichen auf Dauer einfach nicht.
Heiner Münch erzählt, dass er zwei Pflegeheime betreut. In Lauta, in Partwitz. Die dort lebenden Senioren sind froh, dass er da ist. War ein Landarzt früher fast ein Bestandteil der von ihm betreuten Familien, so sieht das heutzutage meist anders aus. „Ich sehe viele meiner Patienten bei den Besuchen  nur alle paar Wochen, in der Regel einmal im Quartal“, so Münch. Es müssten sich die Rahmenbedingungen für Ärzte, insbesondere für diejenigen, die auf dem Lande praktizierten, perspektivisch verbessern, betont er. Dazu gehört sicher auch eine angemessenere Honorierung. Praktika für angehende Mediziner in ländlich gelegenen Praxen könnten möglicherweise die Sichtweise junger Ärzte verändern, so dass sie Gefallen an der Arbeit auf dem Lande fänden.
Die Uhr sagt: Heiner Münch muss los, auf seine Runde, auf der er nach einigen Stunden wieder um einige Patientengeschichten reicher ist.