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Als die Bomben vom Himmel fielen

Hoyerswerda.. Heute vor 60 Jahren wurde der Krieg grausame Wirklichkeit in Hoyerswerda. Bei einem Bombenangriff aus der Luft am späten Nachmittag des 18. April 1945 wurden nicht nur große Teile der Stadt zerstört, sondern es gab auch viele Tote zu beklagen. Im Begräbnisbuch der Johanneskirche und in Dokumenten des Stadtarchives sind Namen von mehr als 20 Opfern aufgelistet. „Das waren ausschließlich Zivilisten, Bürger von Hoyerswerda oder Flüchtlinge. Denn Soldaten der Wehrmacht waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Stadt“ , hat Heinrich Wolf herausgefunden. Der Oberstleutnant a. D. hat die Ereignisse der Kriegshandlungen in und um Hoyerswerda im April 1945 genau erforscht und rekonstruiert – und dabei mit einem jahrelangen Irrtum aufgeräumt. Von Catrin Würz

Schon in den 80er-Jahren begann sich der Diplommilitärwissenschaftler, der seit 1970 in Hoyerswerda lebt, mit den Geschehnissen des 2. Weltkrieges in der Stadt zu beschäftigen. Ein Widerspruch hatte sein Interesse geweckt. Denn während die Geschichtsschreibung zu DDR-Zeiten von „erbitterten nächtlichen Gefechten zwischen Roter Armee und faschistischen Sonderkommandos zur Eroberung der Stadt am 19. und 20. April“ berichtete, kamen Heinrich Wolf Zweifel an der Version der blutigen Straßenkämpfe in Hoyerswerda. „Was ich über die Stellungen der sowjetischen und polnischen Armeeeinheiten wusste, passte damit einfach nicht zusammen“ , erinnert sich der heute 73-Jährige. Also begann Heinrich Wolf nachzuforschen, suchte nach Zeitzeugen und in Archiven nach entsprechenden Dokumenten, die seine Theorie bestätigten. Auf einer Markscheiderkarte aus jener Zeit zeichnete er den Weg der Bataillone und das Vorrücken der Front in der Lausitzer Region akribisch genau ein. Als es nach der Wende dann möglich war, auch in die geheimen Tagesberichte der Wehrmachtsführung Einblick zu nehmen, wurde das Bild von den Apriltagen 1945 in der Stadt Hoyerswerda klarer. 47 Zeitzeugen konnte Heinrich Wolf zu Beginn der 90er-Jahre noch finden und befragen - nur noch wenige von ihnen erleben nun auch heute den 60. Jahrestag dieser schrecklichen Ereignisse.
„Zu den von mir befragten Zeitzeugen gehörten Menschen, die dem Evakuierungsbefehl gefolgt und noch vor oder unmittelbar nach der Bombardierung aus der Stadt geflüchtet waren, ich traf aber auch Bürger, die während dieser ganzen Kriegstage in Hoyerswerda geblieben sind“ , erinnert sich Heinrich Wolf. Seine Erkenntnisse darüber hat der einstige NVA-Oberstleutnant im Jahr 1995 - ermutigt durch den damaligen Leiter des Hoyerswerdaer Stadtmuseums, Karl-Heinz Hempel - in einer Broschüre mit dem Titel „Hoyerswerda im April 1945 - Zwischen Hauptstoß- und Nebenrichtung“ veröffentlicht. Das Heft ist inzwischen restlos vergriffen.
Was geschah also in jenen Tagen zwischen dem 18. und 21. April in Hoyerswerda? Schon seit dem 16. April 1945 rückten die 5. Gardearmee der Sowjets und die 2. Polnische Armee zügig von der Neiße her vor. In Hoyerswerda wurde in diesen Tagen zur Verteidigung ein Schützengraben vor und Panzersperren in der Stadt errichtet. „Das Areal am heutigen Elsterbogen - damals eine Viehkoppel und Gelände von Hasse meiers Baumschulen - wurde komplett vermint. Für diese Arbeiten wurde die Bevölkerung verpflichtet, denn eine Wehrmachtseinheit war gar nicht in der Stadt. Lediglich ein Sanitätszug war hier stationiert“ , hat Wolf recherchiert.
Viele Menschen waren längst aus der Stadt geflüchtet. Am 18. April gegen 17 Uhr erfolgte dann die Bombardierung von Hoyerswerda. „Zweimal kamen die insgesamt sechs bis acht Flugzeuge und warfen Bomben ab. Die Verwüstungen waren groß“ , schildert der Hobby-Historiker. Vollständig zerstört wurden dabei zum Beispiel das Wohnhaus von Pastor Schäfer hinter der Johanneskirche, die damalige Klempnerei Voigt (heute steht dort der Fließhof), Wohnhäuser in der Kirchstraße und Teile des damaligen Krankenhaus-Neubaus am fünfarmigen Knoten.
Zerstörungen gab es aber auch durch die eigenen Landsleute. Die zurückweichenden deutschen Truppen folgten dem so genannten Nero-Befehl von Hitler und zerstörten wichtige Bauwerke wie Brücken und Straßen, die die Sowjets aufhalten sollten. Betroffen davon war beispielsweise die Elsterbrücke in Groß Neida.
Einen Tag später war Hoyerswerda nahezu vollständig von den Panzereinheiten der Roten Armee umstellt, doch zu einem Einmarsch und Gefechten kam es nicht. „Es gab Artilleriebeschuss aus der Ferne. In Kühnicht und in Bergen standen Panzer. Von hier aus wurde auch jene Granate abgefeuert, die am 19. April den Kirchturm der Johanneskirche traf und das Bauwerk stark zerstörte“ , hat Heinrich Wolf rekonstruiert. Eine strategische Bedeutung hatte Hoyerswerda an diesem Tag schon nicht mehr für die vorrückenden Rotarmisten um Marschall Konew, der nördlich und südlich an der Stadt vorbei in Richtung Elbe strebte. Deshalb hätten die Sowjets auch erst am 21. April die Stadt besetzt. „Allerdings kam es in diesen Tagen zu Plünderungen und Brandstiftungen in den Straßen. Auch ohne direkte Gefechtskämpfe in Hoyerswerda hatte die Stadt am Ende des Krieges zirka 38 Prozent ihres Wohnraumes verloren“ , resümiert Heinrich Wolf zu seinen Recherchen.
Die aufrüttelndsten Erinnerungen hat der 73-Jährige an die vor zehn Jahren geführten Gespräche mit den Zeitzeugen. „Viele von ihnen hatten noch 50 Jahre danach furchtbare Angst, über jene Dinge zu sprechen, die sie während der Kriegstage mit ansehen mussten oder zu denen sie selbst gezwungen waren. Es ist grausam, was Krieg mit den Menschen und ihrer Psyche anrichtet. Es muss allen Menschen klar werden: Krieg darf nie mehr ein Mittel sein, politische Ziele durchsetzen zu wollen“ , ist die feste Überzeugung Heinrich Wolfs. Daran sollte noch häufiger erinnert werden, ist seine Meinung - nicht nur zu den Jahrestagen dieser schrecklichen Geschehnisse.