Auch die ganz jungen Männer, die ja fast noch Kinder waren, hatten ebenfalls diesen ernsthaften Ausdruck in ihren Mienen. Doch bei allen drückte sich an diesem Ostersonntag noch etwas anderes ins Antlitz, etwas, das so gar nicht zu diesem feierlichen Anlass passte: Angst.

Donnergrollen im Frühling

„Ja, die war an diesem Tag deutlich zu spüren“, erzählt Georg Möller, wenn er auf jenen Kriegstag, den 1. April 1945, zurückblickt. Er war damals zehn Jahre alt, zeitig aufgestanden, um sich in Saalau die Kreuzreiterprozession anzusehen. Aber würden sie in diesem Jahr überhaupt reiten? In den Tagen und Wochen zuvor gab es täglich mehrere Male Fliegeralarm, hatten russische Flugzeuge am Sonnabend vor Palmsonntag einen Bus auf dem Marktplatz in Brand geschossen. Die Front war nahe, das Donnern der Geschütze war unüberhörbar.

„Die Frage stand im Raum, ob man wirklich reiten sollte“, so der heute 76-Jährige. Und – wer überhaupt mitreiten konnte.

Alle Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren waren schließlich an der Front eingesetzt, entweder beim Volkssturm in Breslau oder zur Fliegerabwehr abkommandiert. So kamen nur die alten und die ganz jungen Wittichenauer in Frage. Die besten Pferde hatte man für den Kriegseinsatz requiriert. „In dieser Situation haben die Wittichenauer auf Gott vertraut, hat man sich darauf verlassen, dass alles irgendwie schon gut gehen würde“, sagt Georg Möller. Ralbitzer wie Wittichenauer entschieden sich dafür, die Kreuzreiterprozession um zwei Stunden vorzuverlegen. „Wegen der Tiefflieger“, so Möller.

Schutz der Fahnen

Als die Sonne am Morgen des 1. April 1945 aufging, hallten in den Gassen um die Pfarrkirche die Hufe der Pferde wider. Was für ein Tag: strahlender Sonnenschein, die Vögel zwitscherten und ein wolkenloser Himmel. Tieffliegerwetter. „Wir wussten, dass die meist zwischen zehn und elf Uhr auftauchen würden“, erinnert sich der ehemalige Schuhmachermeister Möller. Um ihnen zu entgehen, erfolgte der Aufbruch der Prozessionsreiter um kurz nach sieben Uhr.

Unter den Zuschauern in der Stadt waren auch zahlreiche in der Stadt einquartierte Soldaten, Flüchtlinge. Einziger Schutz auf dem Weg nach Ralbitz waren die Kirchenfahnen. „Man setzte darauf, dass die Flieger uns so nicht mit einer Kavallerieeinheit verwechselten.“ Als die Prozession begann, vergaßen die rund 100 Reiter das ständige Grollen der Kanonen.

Stoßgebete gen Himmel

Andächtig wurden Lieder gesungen. Die Angst vor den feindlichen Flugzeugen verlor sich kurz.

Ralbitz war noch einige Kilometer entfernt, als am Himmel plötzlich ein dunkler Fleck auftauchte. Ein Brummen wurde hörbar, das immer lauter wurde. Sollte diese Kreuzreiterprozession in einem Meer von Blut enden? „Bei Beschuss durch Tiefflieger hatten die Reiter beschlossen, Schutz zu suchen“, weiß Möller. Im Wald, in den Straßengräben. Ein russisches Jagdflugzeug. Aufkommende Furcht in der Prozession. Würde ein Inferno über die Reiter losbrechen? Gott, hilf uns. Stoßgebete wurden gen Himmel geschickt. Das Flugzeug ging tiefer. Zwanzig Meter über den Köpfen überflog der Pilot die Prozession. Pferde scheuten. Sie spürten die Angst ihrer Reiter. Das Brummen wurde wieder leiser. Auch die Ralbitzer Prozession blieb unbeschadet.

Den Heimweg traten die Wittichenauer nicht über Sollschwitz, am Galgenberg vorbei, an. „Der war durch die vielen Schützengräben nicht mehr passierbar“, weiß Möller. Über Saalau ging es an diesem Tag nach Hause. Vermutlich waren die abendlichen Danksagungen auf dem Marktplatz noch nie so intensiv.

Knapp vier Wochen später, erzählt Georg Möller, der von 1950 bis 1983 Prozessionsleiter war, „lagen Ralbitz und Rosenthal in der Hauptkampflinie“.