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Als der Krieg nach Hoyerswerda kam

Pfarrer Heinrich Koch mit einer Tafel der Ausstellung vor der Gedenkstele neben der Johanneskirche.
Pfarrer Heinrich Koch mit einer Tafel der Ausstellung vor der Gedenkstele neben der Johanneskirche. FOTO: Sven Scheffler
Hoyerswerda. Mit einem Luftangriff begannen vor 70 Jahren die Kämpfe um die Stadt Hoyerswerda. Noch am gleichen Tag begann der Kanonenbeschuss. Nach bisherigen Erkenntnissen kamen schätzungsweise 20 Menschen bei dem Angriff ums Leben, der Teile der Altstadt zerstörte. Mit einem Gedenkgottesdienst in der Johanneskirche soll am Sonntag daran erinnert werden. Sven Scheffler

"Der 18. April 1945 - ein Mittwoch - war ein wunderschöner Frühlingstag, doch die Bewohner von Hoyerswerda nahmen das angenehme Wetter kaum wahr. Gleich einem Bienenvolk, das im Begriff war auszuschwärmen, schienen die Menschen von einer hektischen Unruhe befallen zu sein." So beschreibt Herbert Lange in seinem Buch "Der Engel von Bautzen" die Stimmung in der Stadt unmittelbar vor den Bombenangriffen und angesichts der näher rückenden Front.

Zwei Tage vorher hatte die Offensive an der Neiße begonnen. Seit dem 16. April 1945 rückten Rote Armee und polnische Verbände vor. Hoyerswerda wurde noch am gleichen Tag durch den Kreisleiter der NSDAP zur Festung erklärt. Im Stadtgebiet wurden Panzersperren errichtet. Der spätere Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig ist Jahrgang 1938 und kann sich noch an diese Tage erinnern: "An einigen wichtigen Punkten wurde die Straßendecke durch Hitlerjungen und den Volkssturm aufgerissen. In die Gräben kamen dann Palisaden" Obwohl er noch sehr jung war, sind ihm die Kriegstage noch gegenwärtig. "Ab 1944 ging immer wieder der Fliegeralarm los", sagt Brähmig. Das nahegelegene Aluminiumwerk in Lauta war als wichtiger Teil der Rüstungsindustrie seit September 1944 Ziel von anglo-amerikanischen Luftangriffen.

Am 18. April 1945 trafen sowjetische Luftangriffe Hoyerswerda. Über die genauen Gründe dafür ist bis heute nichts bekannt, zumal es keine wichtigen militärischen Ziele in der Stadt gab. Nach bisherigen Erkenntnissen starben etwa 20 Menschen. In der Altstadt gab es schwere Zerstörungen, vor allem am Marktplatz und in der Kirchstraße.

Diese Tage und das damit verbundene Kriegsende in Hoyerswerda sind Thema einer Ausstellung in der Johanneskirche, die am Sonntag nach einem Gedenkgottesdienst eröffnet wird. "Wir wollen den Opfern gedenken und mit der Ausstellung die Möglichkeit geben, sich die Geschehnisse besser vorstellen zu können", sagt Pfarrer Heinrich Koch.

Horst-Dieter Brähmig hat den Angriff miterlebt: "Ich war in der Küche, als es losging. Meine Mutter machte gerade ein paar Besorgungen. Dann kam ein Soldat herein und rief: ,Wo ist der Luftschutzkeller?'. Doch unser Haus hatte keinen Keller." Das Elternhaus von Brähmig hat die Bomben überstanden. Als die Mutter zurückkehrte, flüchteten sie. "Wir hatten alle unsere Koffer bereits gepackt", sagt Brähmig. Auf dem Gelände der Baumschule Hassemeier - am heutigen Elsterbogen - hatte der Betreiber Anton Hassemeier Wagen bereitgestellt, auf denen bereits vorher die wichtigsten Habseligkeiten deponiert worden waren. Mit den Wagen ging es in Richtung Westen.

Viele Einwohner hatten die Stadt da schon verlassen. Unter ihnen war Eva Zscharnack, Jahrgang 1926. Sie fuhr einige Tage früher mit der Bahn. "Wir sind nur bis Elsterwerda gekommen, ab da waren die Strecken zerstört. Wir wollten zu meinem Onkel nach Leipzig", erzählt Eva Zschernack, die heute bei Berlin lebt. "Von Elsterwerda aus waren wir dann meistens zu Fuß unterwegs und schafften es nur bis zur Mulde südöstlich von Leipzig", sagt sie. Eine der eindringlichsten Erinnerung an diese Tage ist ein Treffen mit KZ-Insassen auf einem Bauernhof. "Sie waren in einem entsetzlichen Zustand. Das hat mich als junges Mädchen sehr schockiert", sagt die heute 88-Jährige.

Auch Horst-Dieter Brähmigs Flucht führte in Richtung Leipzig. "Unser Flüchtlingstreck blieb immer zusammen. Wir kamen bis in die Gegend um Torgau", sagt Brähmig. Oft hätten sie in Scheunen übernachtet. Seine Mutter wurde beim Beschuss durch Tiefflieger verletzt.

Im Juni 1945 ging es für Horst-Dieter Brähmig und Eva Zschernack nach Hoyerswerda zurück. Sie fanden die Stadt weitgehend verlassen und zerstört vor. Noch am Abend des 18. April hatte der Artilleriebeschuss begonnen, der auch den Turm der Johanneskirche zerstörte. Am 19. und 20. April wurde die Stadt besetzt. Plünderungen und Brände richteten weiteren Schaden an.

Der Wiederaufbau begann 1946. Eine nicht ganz einfache Zeit, wie Eva Zschernack berichtet: "Aber damals sagten wir immer: Wenigstens schmeckt die Luft nicht mehr nach Eisen."

Zum Thema:
Am Sonntag, 10 Uhr, wird es einen Gedenkgottesdienst mit anschließender Kranzniederlegung geben. Die Ausstellung zum Kriegsende in Hoyerswerda ist bis zum 8. Mai in der Johanneskirche zu sehen. Sollte die Kirche nicht offen sein, kann im Kirchbüro nachgefragt werden.

Zerstörungen in der Kirchstraße in Hoyerswerda nach dem Bombenangriff.
Zerstörungen in der Kirchstraße in Hoyerswerda nach dem Bombenangriff. FOTO: Museum
Die Johanneskirche Hoyerswerda nach dem Krieg.
Die Johanneskirche Hoyerswerda nach dem Krieg. FOTO: Museum
Aufräumarbeiten auf dem "Schwarzen Markt". Im Hintergrund ist das Ballhaus an der Braugasse zu sehen, in das bald Kufa und Natz einziehen.
Aufräumarbeiten auf dem "Schwarzen Markt". Im Hintergrund ist das Ballhaus an der Braugasse zu sehen, in das bald Kufa und Natz einziehen. FOTO: Museum