Auch im OSL-Kreis muss im Ergebnis der beiden diesjährigen Baumschauen die Motorkettensäge angeworfen werden. Entlang der Landes- und Bundesstraßen zwischen Ragow und Ortrand fallen allerdings „nur“ 220 Bäume. „Das liegt etwas über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre von 100 bis 150 Bäumen“ , erläutert Ferry Richter, Sachgebietsleiter Naturschutz/Landschaftsplanung der Kreisverwaltung. Gesägt werde während der vegetationsfreien Zeit, also ab sofort und bis zum Frühjahr. Auftraggeber ist der Landesbetrieb Straßenwesen als Eigentümer. Schwerpunkte der Fällaktion sind die L 55 Calau - Bronkow, die B 169 Senftenberg - Lauchhammer und die B 96 Kleinkoschen - Großkoschen.
Die Schauen finden von Juli bis Oktober beziehungsweise von Dezember bis April statt. Tragen die Bäume Laub, kann der Vitalitätszustand besonders gut beurteilt werden. Wie gesund ist der Baum, wo hat er Probleme?
Die meisten Alleen haben von ihrer ursprünglichen Schönheit viel verloren. Ferry Richter sieht mehrere Ursachen: „Sie sind mittlerweile 80 bis 100 Jahre alt. Auch wenn die meisten Bäume noch ein paar Jahrzehnte stehen werden, haben sie bereits ihren Lebensabend erreicht. Beim Menschen würde man sagen, sie sind Rentner.“ Ähnlich dem mittlerweile auf dem Kopf stehenden Lebensbaum der Bundesrepublik fehle es auch den Straßenbäumen an Nachwuchs. „Es gibt keine vernünftige Altersstruktur, keinen stufenweisen Aufbau. Das gilt für das ganze Land“ , weiß der Fachmann. Die Nachpflege sei weder vor noch nach der Wende intensiv betrieben worden.
Ferry Richter sieht die Alleen als märkisches Kulturgut in akuter Gefahr: „Ohne Gegenmaßnahmen sind sie in 20 bis 30 Jahren gravierend ausgedünnt.“ Die Lebenserwartung der Straßengehölze ist mit jener von Menschen vergleichbar, die permanent hohen Umweltbelastungen ausgesetzt sind. Anders als der Parkbaum muss sein Kollege an der Straße jede Menge aushalten: den radikalen Lichtraumschnitt, damit auch der größte Lkw hindurchpasst (Sägewunden sind zudem ideale Eintrittsöffnungen für Pilze); den chemischen Winterdienst; Luftbewegungen durch den Verkehr (Stress pur); die mangelnde Versorgung, weil die Straßenseite versiegelt ist; Grundwasserentzug durch den Bergbau, und Verkehrsunfälle. Jeder Crash-Baum ist ein Fällkandidat.
Wer derart gestresst und geschwächt wird, ist für Krankheiten besonders anfällig. Nach Angaben von Ferry Richter fällt eine ganze Armee von Krankheitserregern und Schädlingen über die Bäume her. Zum Beispiel der Brandkrustenpilz. Er verursacht Weißfäule im Wurzelbereich, die bis in den Stammansatz vordringt. „Das ist besonders heimtückisch, weil der Baum von unten fault, irgendwann plötzlich bricht und auf die Straße fällt, obwohl der Stamm noch in Ordnung ist“ , kennt der Berufsnaturschützer die lauernde Gefahr.
Ein anderer Pilz ist das Verticillium. Trockenes Laub (so genannte Welke) ist die Folge. Der Pilz verstopft die Nahrungsleitungen zur Krone. Dadurch vertrocknet der Baum regelrecht. Betroffen ist zumeist der Ahorn, neuerdings auch die Birke.
Bei den Schädlingen wird neben anderen der Splintkäfer gefürchtet. Das bis zu fünf Millimeter kleine Insekt legt seine Eier hinter die Rinde. Die schlüpfenden Larven fressen zwischen Rinde und Splintholz alles weg. Der Baum vertrocknet.
Nicht besser ist die Miniermotte. Der kleine Schmetterling legt Eier auf Blätter. Deren Substanz wird dann durch die Raupen zerstört. Es ist keine Fotosynthese mehr möglich. Das Ende des Baumes naht.
Beim Menschen ist es nicht anders: Wer schwach und vorgeschädigt ist, der zeigt sich besonders empfänglich gegenüber Erregern und Krankheiten. Und haben Pilz oder Insekt erst einmal zugeschlagen, ist beim Straßenbaum die Säge nicht mehr weit. „Da hat es der Baum in der Landschaft besser“ , zeigt Ferry Richter Mitgefühl. „Weil er niemanden gefährdet, darf er in Ruhe sterben.“
Land und Bund seien bemüht, so der Sachgebietsleiter, die Lücken in den landschaftsprägenden Alleen zu schließen. Um zu tun, was notwendig wäre, fehle es am Geld. Der Experte vermisst ein landesweites Konzept, auf dessen Grundlage neue Alleen entstehen. Denn nicht immer sei es sinnvoll, Lücken zu schließen. Jungbäume passen nicht in das Erscheinungsbild gewachsener Baumreihen. Sie stehen zudem in deren Schatten und in Nahrungskonkurrenz. Ein „gutes“ Beispiel dafür sei die Landesstraße zwischen Vetschau und Calau.
Wo möglich, sollte im vorgeschriebenen Abstand von etwa 4,50 Metern zur Straße eine neue Allee oder Baumreihe gepflanzt werden, auch parallel zur vorhandenen. Diese so genannte Hinterpflanzung sei aber oft nicht möglich, weil unterirdische Leitungen im Weg liegen oder Privatflächen hinzugekauft werden müssen, was nicht immer gelingt. Trotz aller Probleme hat Ferry Richter hinsichtlich der Alleen im Land und vor allem im OSL-Kreis die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Hintergrund Schöne Alleen
  Gut stehende, geschlossene Alleen sind im Landkreis hier zu finden: L 58 Hosena - Lauta (Stieleichen), L 54 Vetschau - Calau, L 55 Lug - Wormlage, L 58 Hohenbocka - Hosena und nur eine Baumreihe an der L 63 Schraden - Frauwalde (jeweils Roteichen).
Alle anderen Alleen und Baumreihen entlang von Landes- und Bundesstraßen im OSL-Kreis befinden sich laut Unterer Naturschutzbehörde in einem bedenklichen Zustand.
Roteichen sind sehr widerstandsfähig und von daher als Straßenbäume geeignet. Bevorzugt werden heute allerdings Gehölze mit weniger großen Früchten, wie Ahorn, Winterlinde, Eberesche.