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Akuter Notfall: Zu wenig Ärzte in Hoyerswerda

Closeup of stethoscope on form in veterinary clinic
Closeup of stethoscope on form in veterinary clinic FOTO: (119970814)
Hoyerswerda/Lauta. Die Symptome: volle Wartezimmer, frustrierte Patienten, unzufriedene Ärzte. Die Diagnose: akuter Hausärztemangel. Der Raum Hoyerswerda bildet in der ärztlichen Versorgung das Schlusslicht im Landkreis Bautzen. Für eine Praxis in Leippe-Torno wird gerade intensiv nach einem Arzt gesucht. Anja Hummel

Krank sein ist nie schön. Aber krank sein und keinen Hausarzt haben, das ist eine doppelte Qual. Viele Bürger aus Lauta, Leippe und Torno müssen diese Erfahrung gerade durchmachen. Denn seit vergangenem Montag stehen etwa 5000 Patienten wegen einer Praxisschließung in Leippe-Torno ohne Hausarzt da (die Rundschau berichtete).

Weil derzeit auch noch eine Infektwelle über die Region rollt, sind nun die Wartezimmer in und um Hoyerswerda doppelt so voll. "Die ganzen Patienten kommen jetzt zu uns", sagt die in Lauta praktizierende Allgemeinärztin Regina Grandke. "Aber wo sollen sie auch sonst hin?", schiebt die 51-Jährige hinterher. Und trotzdem - versorgen kann sie längst nicht alle. Aus mehreren Gründen. "Ich muss die Patienten zum Selbstschutz meiner Praxis und Gesundheit abweisen", sagt Regina Grandke, die pro Quartal etwa 1200 Patienten behandelt. Eine 55-Stunden-Woche ist für sie ganz normal. Würde sie noch mehr Patienten aufnehmen, könnte sie das rechtlich nicht mehr verantworten. Denn die Anzahl der Behandlungen im Verhältnis zur jeweils aufgewandten Zeit wäre "nicht mehr plausibel", sagt die Ärztin. "Man könnte mir Betrug vorwerfen."

Was gegen den Hausärztemangel getan werden kann? "Politik, Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigung sind gefragt. Der Versorgungsschlüssel muss neu berechnet werden", fordert Regina Grandke. Denn der Leistungsbedarf für Kranke sei in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches angestiegen. "Ich bin als Arzt mittlerweile verpflichtet, alles mögliche zu überprüfen. Tue ich das nicht, ist das unterlassene Hilfeleistung", erklärt sie die Mehrarbeit. Der Ärzteschlüssel wurde im Gegenzug nicht angehoben.

In den letzten zehn Jahren stark gesunken ist hingegen der Versorgungsgrad im hausärztlichen Planungsbereich Hoyerswerda, der aus den Gemeinden Bernsdorf, Elsterheide, Hoyerswerda, Lauta, Lohsa, Spreetal und Wittichenau besteht: Im Jahr 2006 lag dieser noch bei 103,7 Prozent, während er Ende 2016 auf 88,7 Prozent geschrumpft ist. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) liegt das unter anderem am Renteneintritt von tätigen Ärzten und damit einhergehenden Nachbesetzungsschwierigkeiten. Derzeit sind 40 Hausärzte im Planungsbereich Hoyerswerda tätig, deren Durchschnittsalter bei 54 Jahren liegt. Elf der Ärzte sind älter als 60 Jahre. Da es für praktizierende Ärzte keine Altersbeschränkung gibt, sei die Zahl der in den nächsten Jahren ausscheidenden Ärzten laut KVS unklar.

Für die derzeit geschlossene Arztpraxis in Leippe-Torno gebe es aktuell noch keine Lösung. "Aber wir sind weiterhin intensiv bemüht", bestätigt eine KVS-Sprecherin gegenüber der Rundschau.

Dass der Ernst der Lage auch tatsächlich erkannt wurde, hofft Carla Lehmann aus Lauta. Die Initiatorin der Unterschriftenaktion "Wir brauchen einen Hausarzt" weiß, wie es um die Stimmung der Bürger steht. "Es herrscht große Unsicherheit darüber, ob wir am Ende ganz ohne Arzt da stehen." Denn nicht alle, vor allem nicht die Älteren, könnten Hausärzte außerhalb besuchen. "Wir werden sicherlich wieder aktiv, wenn die Bemühungen der KVS ins Leere laufen", so Carla Lehmann.

Doch neben den Patienten leiden auch die Ärzte unter der Situation. "Der ganze Unmut wird bei uns abgeladen", sagt Allgemeinmedizinerin Regina Grandke. Kein Tag vergehe, an dem sie und ihr Team nicht beschimpft werden. Viele schlaflose Nächte habe sie gehabt, denn sie weiß, für die Praxisübernahme in Leippe-Torno "steht niemand in der Warteschlange". Eine Niederlassung sei im ländlichen Bereich einfach nicht mehr so attraktiv. "Man deckt hier im Vergleich zum städtischen Arbeiten fast zwei Praxen ab", sagt die Ärztin. Verdienen wie ein Oberarzt mit einem Acht-Stunden-Arbeitstag sei unmöglich. Das aber wolle die junge Ärzte-Generation.

Die KVS bleibt indes weiter auf der Suche nach einem Nachfolger für die geschlossene Praxis in Leippe-Torno. Finanzielle Förderungen für Praxisübernahmen und -neugründungen sind ihre Strategie, junge Mediziner in die Hoyerswerdaer Region zu locken.

Zum Thema:
Der LK Bautzen gliedert sich in fünf Planungsbereiche: Bautzen, Bischofswerda, Radeberg, Kamenz und Hoyerswerda. Auf Platz Eins in Sachen Ärzteversorgung steht Radeberg (110,5 %). Darauf folgen Bischofswerda und Bautzen (jeweils 108 %) sowie Kamenz (99,5 %). Hoyerswerda bildet das Schlusslicht (88,7%, Stand 01.10.2016). Im Freistaat gibt es47 Planungsbereiche, von denen 24 unter dem Versorgungsgrad von 100 Prozent liegen.