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| 13:18 Uhr

Weißkollm
Aktiv gegen ein Tabu-Thema

Karin Hänsch (66) aus Weißkollm leitet seit 20 Jahren die Selbsthilfegruppe Colitis und Morbus Crohn in Hoyerswerda. Sie selbst ist 1996 an Colitis, einer chronischen Darmentzündung, erkrankt.
Karin Hänsch (66) aus Weißkollm leitet seit 20 Jahren die Selbsthilfegruppe Colitis und Morbus Crohn in Hoyerswerda. Sie selbst ist 1996 an Colitis, einer chronischen Darmentzündung, erkrankt. FOTO: LR / Sascha Klein
Weißkollm/Hoyerswerda. Wer eine chronische Darmerkrankung hat, ist oft allein mit seinem Leid. Für viele ist das ein Tabu-Thema. Eine Weißkollmerin kämpft dagegen an. Sie gibt ihre Erfahrungen seit 20 Jahren an Gleichgesinnte weiter. Von Sascha Klein

Es beginnt oft mit schleimigem oder blutigem Durchfall, mit Bauchkrämpfen, ständigem Stuhldrang, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust. Die Darmflora wird nach und nach zerstört. Es ist noch immer ein Tabu-Thema. Wer eine chronische Darmerkrankung bekommt, verliert meist nicht viele Worte darüber. Das Problem: Wenn die Erkrankung akut ist, muss für alle Betroffenen eine Toilette immer in erreichbarer Nähe sein. Das schränkt denjenigen ein – bei der Arbeit, im Urlaub, bei Ausflügen mit Familie und Freunden. Die Krankheit kommt in Schüben. Die können teils wochenlang sein.

Karin Hänsch lebt mit der Diagnose Colitis – einer chronischen Entzündung der Darmschleimhaut – seit dem Jahr 1996. Die heute 66-Jährige hat die Krankheit von Beginn an ernst genommen und Wege gesucht, mit ihr zu leben. Im Laufe von Jahren hat sie Antworten auf die wichtigsten Fragen gefunden. Zum Beispiel bei der Ernährung: „Ich nehme grundsätzlich keine Milchprodukte zu mir, weil ich sie nicht vertrage“, sagt Karin Hänsch. Ein Pudding ist hin und wieder eine Ausnahme. Auch bei Käse aus Kuhmilch hält sie sich zurück, isst lieber Ziegenkäse. Auch auf Fleisch und Brot verzichtet sie weitestgehend. Jeder müsse das allerdings selbst für sich herausfinden, sagt die Weißkollmerin. Eine generelle Checkliste, was bei der Krankheit bekömmlich ist und was nicht, gibt es nicht.

Die Deutsche Morbus Crohn / Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) schätzt, dass deutschlandweit etwa 168 000 Menschen von der Krankheit Colitis ulcerosa betroffen sind. Allein auf die Einwohnerzahl Hoyerswerdas heruntergebrochen wären das etwa 60 Betroffene (20 Betroffene pro 10 000 Einwohner). Insgesamt leiden laut Schätzungen der Plattform „Leben mit CED“ rund 300 000 Menschen bundesweit an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED).

Karin Hänsch hat aus der Not eine Tugend gemacht und im Jahr 1998 mit knapp zehn Personen eine Selbsthilfegruppe gegründet. Von den Gründungsmitgliedern ist jetzt nur noch sie dabei. Insgesamt hat die Gruppe derzeit 22 Mitglieder. Neue Mitstreiter seien immer willkommen. Das Ziel sei, Betroffene und deren Angehörige aus Anonymität und Einsamkeit herauszuholen.

Wer denkt, die Gruppe sitzt zweiwöchentlich im Stuhlkreis und klagt über ihre Sorgen, der denkt falsch. Die Gruppe ist sehr aktiv. Karin Hänsch hält dabei die Fäden in der Hand. Ihr geht es darum, Betroffenen und deren Angehörigen viele Informationen mit an die Hand zu geben. Es geht darum, möglichst gut mit der Krankheit zu leben. „Wir laden uns Ärzte und Heilpraktiker ein, machen Wildkräuterwanderungen und veranstalten gemeinsam mit der Expertin Jana Benz aus Großkoschen heilsames Singen“ zählt Karin Hänsch auf. „Mit der richtigen Ernährung und Stressabbau lässt sich die Krankheit ein wenig steuern“, sagt die langjährige Geschäftsstellenleiterin einer Krankenkasse. Schon am kommenden Dienstag, 21. August, findet im Haus Bethesda (Schulstraße 5 in Hoyerswerda) ab 19 Uhr das nächste heilsame Singen statt. Kostenpunkt: zwölf Euro.

Karin Hänschs Erfahrungen mit der Diagnose Colitis sind inzwischen auch nachzulesen. Die Autorin Michaela Barthel aus Großbeeren bei Berlin hat ihre und die Geschichten anderer Betroffener im Buch „Darm über Kopf“ aufgeschrieben. „Wer nicht betroffen ist, kann schwer nachvollziehen, wie das ist“, sagt Karin Hänsch. Sie hatte den letzten Schub vor zwei oder drei Jahren. Sie tut jedoch über Ernährung und Entspannung viel dafür, dass ihr der nächste Colitis-Schub noch lange erspart bleibt. Das Ziel ist: eine möglichst hohe Lebensqualität behalten.