Von Anja Hummel

„Wir kämpfen für unsere Kita!“ steht in großen Lettern auf dem Plakat geschrieben. Auf zwei weißen Stehtischen liegen dutzende Kugelschreiber und Zettel verteilt. Es sind Namenslisten, die meisten davon sind längst ausgefüllt. „Bis jetzt haben wir schon 1600 Stimmen“, verkündet Robert Ratzing stolz. Gemeinsam mit anderen Eltern steht der 29-Jährige mitten im Hoyerswerdaer Lausitz Center. Sie sammeln Unterschriften. Ein paar Stunden bleiben ihnen noch an diesem Donnerstag, bis die Listen bei der Stadt eingereicht werden müssen. Um ihr Anliegen auf die Tische der Stadträte zu bekommen, müssen es am Ende 1700 gültige Unterschriften sein.

Was sie damit erreichen wollen? „Ein Bürgerbegehren“, sagt Robert Ratzing. Er weiß: Wenn genügend Unterschriften zusammenkommen, muss sich der Stadtrat noch einmal mit einem Beschluss aus dem vergangenen September befassen. Damals wurde völlig unerwartet festgelegt: Die Kita „Sonnenblume“ in der Neustadt soll im Sommer 2019 geschlossen werden. Eltern, Erzieher und Träger wurden damit vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Grund für die Schließung: Weil es in der Stadt zu viele Kita-Plätze gibt, musste die „schwächste“ Einrichtung dran glauben. Hoyerswerdas Bürgermeister Thomas Delling zufolge hat die „Sonnenblume“ den größten Sanierungsbedarf aller Kitas der Stadt.

Dass eine Sanierung notwendig ist, steht auch für die engagierten Eltern außer Frage. „Aber es gibt neben der Schließung so viele andere Lösungen“, sagt Robert Ratzing, der die Unterschriftenaktion vorab von der Stadtverwaltung genehmigen lassen musste. In dem Antrag enthalten: ein Alternativvorschlag zur Kostendeckung. „Eine Teilsanierung der Kita wäre ausreichend, der Träger würde sich an den Kosten beteiligen“, so Ratzing.

Ein weiteres Argument: Wird die „Sonnenblume“ geschlossen, ist der Kitaplatz-Überschuss der Stadt immer noch nicht passé. Denn eine Analyse ergab, dass 200 Plätze abgebaut werden müssen. MIt der Schließung der „Sonnenblume“ würde die Zahl nicht einmal um die Hälfte reduziert und eine weitere Kita müsste geschlossen werden. „Im WK IIX stehen gleich drei Kitas nebeneinander. Würde man eine davon schließen, müssten die Kinder nicht großartig umziehen“, argumentiert Ratzing.

Und schließlich, so sagt der Vater einer dreijährigen Tochter, würde man mit der Schließung der „Sonnenblume“ dem kinderreichsten Wohnkomplex der Stadt die Kita wegnehmen. Auch für Mutter Stefanie Schieber steht fest: „Wir brauchen die Kita in der Neustadt. Punkt, aus, mehr gibt es da nicht zu sagen.“ Die Kinderärztin hat gerade einige ausgefüllte Unterschriftenzettel vorbeigebracht. Privat hat sie mitgesammelt. Sicherlich müsse die Finanzierung dann geklärt werden. „Aber eine Kita gehört in so ein Stadtgebiet“, betont sie noch einmal.

Eine Seniorin ist am Tisch stehengeblieben. „Aber können die Kinder nicht auf andere Kitas aufgeteilt werden?“, fragt sie in die Runde. „Ja, schon“, antwortet Nicole Kausche, deren fünfjähriger Sohn in die Kita „Sonnenblume“ geht. „Aber das bedeutet für viele Eltern große Umwege.“ Außerdem sei so eine Umstellung für die Kinder ein wahrer Kraftakt. „Die Kita ist das Beste, was unseren Kindern passieren konnte. Die Erzieher dort sind wundervoll“, wirft Jacqueline Schubert ein. Mit ganzem Herzblut kämpft auch sie gemeinsam mit den anderen Eltern für den Kita-Erhalt. In der Zwischenzeit hat die Seniorin ihren Namen in die Liste getragen. „Mit meiner Unterschrift will ich einfach nur helfen. Das ist eine gute Tat“, sagt sie entschieden.

Am Ende des Tages ist es geschafft: Insgesamt 1903 Stimmen haben die Eltern zusammengetragen. Fristgerecht reicht Robert Ratzing die Listen am Donnerstagabend bei der Stadt ein. „Wir hoffen einfach, dass es für ein Bürgerbegehren reicht“, sagt der Elternrat-Stellvertreter.

Theoretisch ist alles fix: Für ein Bürgerbegehren müssen fünf Prozent der wahlberechtigten Hoyerswerdaer unterschreiben. Das entspricht rund 1700 Stimmen. Das letzte Wort hat aber die Stadtverwaltung. Und was passiert als Nächstes? „Der Stadtrat entscheidet dann, ob die Bürger über die Schließung abstimmen dürfen“, erklärt Ratzing. Es könnte also zu einem Bürgerentscheid kommen. Die Eltern bleiben motiviert. Denn so oder so haben sie mit ihrem Widerstand eines erreicht: Die Stadt muss sich noch einmal intensiv mit dem Fall „Sonnenblume“ beschäftigen.