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AfD läuft der CDU den Rang ab

Die AfD hat im Wahlkreis Bautzen I die meisten Zweitstimmen geholt. Mit einem angriffslustigen Wahlkampf und deutlichen Parolen gegen die Asylpolitik der Großen Koalition hat das Team um Direktkandidat Karsten Hilse sehr viele Wählerinnen und Wähler überzeugt.
Die AfD hat im Wahlkreis Bautzen I die meisten Zweitstimmen geholt. Mit einem angriffslustigen Wahlkampf und deutlichen Parolen gegen die Asylpolitik der Großen Koalition hat das Team um Direktkandidat Karsten Hilse sehr viele Wählerinnen und Wähler überzeugt. FOTO: dpa
Hoyerswerda/Bautzen. Solch eine spannende Entscheidung um das Direktmandat im Wahlkreis Bautzen I hat es im vergangenen Jahrzehnt nicht gegeben. Bis zum Redaktionsschluss kurz vor 22.30 Uhr hat AfD-Kandidat Karsten Hilse im Rennen um das Direktmandat im Wahlkreis Bautzen I knapp vor dem Favoriten Roland Ermer (CDU) gelegen. Sascha Klein

Nach 49 von 53 ausgezählten Gemeinden liegt Hilse mit 33,9 Prozentpunkten drei Prozentpunkte vor Ermer. In Stimmen ist das ein Unterschied von etwa 3850. Damit sorgt die AfD in Ostsachsen für eine Riesen-Überraschung und düpiert die ansonsten siegesgewöhnte CDU. Das vorläufige Endergebnis finden Sie im Internet auf www.lr-online.de . Dort erfahren Sie, ob Hilse den Zweikampf tatsächlich gewonnen hat oder ob ihn Roland Ermer auf den letzten Metern noch abgefangen hat.

AfD-Kandidat Karsten Hilse hat sich mit den ersten Hochrechnungen an die Spitze gesetzt. Sein CDU-Widersacher, Bäckermeister Roland Ermer aus Bernsdorf, liegt an diesem Wahlabend dauerhaft auf Rang zwei, eine riesige Enttäuschung für die Christdemokraten. Zum Vergleich: Maria Michalk, die bisher das Mandat innehat und nicht mehr antritt, hatte stets mit großem Vorsprung gewonnen. Aber jetzt überrascht der Polizeibeamte Karsten Hilse aus Lohsa das gesamte politische Establishment im Landkreis Bautzen. "Ich habe gehofft, dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen gibt", sagt Hilse gegen 21 Uhr gegenüber der RUNDSCHAU. Und er hat über große Teile des Abends die Nase vorn. Nur einmal, da waren nicht einmal ein Drittel der Stimmen ausgezählt, lag Ermer vorn.

Mit dem Wahlausgang nichts zu tun hat Jens Bitzka, der Direktkandidat von Bündnis 90 / Die Grünen. Seine Partei liegt im Wahlkreis Bautzen I bei etwa zwei Prozent. Wie der Lautaer Bitzka auf RUNDSCHAU-Nachfrage sagt, sei das ein erwartbares Ergebnis gewesen. Vielmehr freut er sich, dass die Grünen auf Bundesebene die Chance haben, gemeinsam mit CDU/CSU und FDP die erste Jamaika-Koalition bilden zu können. "Wenn die Inhalte stimmen, muss man es machen", sagt er. Zum AfD-Ergebnis im Kreis Bautzen sagt Bitzka: "Ich hätte die AfD nicht so stark eingeschätzt." Für Bitzka ist es verwunderlich, dass bei der CDU ein Kandidatenwechsel solche Auswirkungen hat. Er hätte die CDU in diesem Punkt stärker erwartet.

Zu den Wahlverlierern zählt auch SPD-Direktkandidatin Uta Strewe aus Burkau. Sie bleibt bei den Erststimmen unter zehn Prozent. Ihre Partei kommt auch bei den Zweitstimmen im Wahlkreis Bautzen I nicht auf ein zweistelliges Ergebnis. "Es ist ernüchternd, dass die AfD mit ihren Parolen derart punkten konnte", sagt sie am späten Sonntagabend. Bei der SPD habe niemand mit einem solchen Ausgang gerechnet. Für sie selbst sei zwar das Ergebnis eine Niederlage, aber nicht der gesamte Wahlkampf: "Ich habe viele engagierte Menschen im Kreis kennengelernt, mit denen ich auch in Zukunft in Kontakt bleiben und mit ihnen zusammenarbeiten will", sagt Uta Strewe.

Frust gibt es auch bei der Linken. Die AfD gewinnt in Größenordnungen, die Linke verliert im Wahlkreis Bautzen I rund sechs Prozent. Für Ralph Büchner, Vorsitzender der Linken-Kreistagsfraktion, ist das nicht nur eine Protestwahl: "Viele Menschen sind frustriert, weil sie nicht informiert sind. Viele durchschauen das politische System überhaupt nicht mehr", sagt er. Es sei eine Abrechnung mit dem System. "Aber diese Jacke müssen sich vor allem die regierenden Parteien in Sachsen anziehen", sagt Büchner, der auch Mitglied im Kreisvorstand der Linken in Bautzen ist.

Zum Thema:
Bei der Bundestagswahl 2013 war das Ergebnis im Wahlkreis 156 (Bautzen I) sehr deutlich: Bei den Zweitstimmen siegte die CDU klar mit 45,6 Prozent. Das Direktmandat gewann Maria Michalk (CDU). Bei den Zweitstimmen folgten vor vier Jahren: Die Linke: 19,9 Prozent, SPD: 12,2 Prozent, AfD: 7,1 Prozent, NPD: 4,1 Prozent, FDP: 3,1 Prozent.Über die Landesliste kam Caren Lay (Linke) in den Bundestag.