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| 02:42 Uhr

Abend der Gegensätze

Gil Garburg hauchte beim 4. Philharmonische Konzert dem Bechstein-Flügel in bemerkenswerter Weise Beethovens Intentionen ein.
Gil Garburg hauchte beim 4. Philharmonische Konzert dem Bechstein-Flügel in bemerkenswerter Weise Beethovens Intentionen ein. FOTO: mft
Hoyerswerda. "Möchten Sie Konzertmitschnitte der Neuen Lausitzer Philharmonie bequem zu Hause sehen, dann besuchen Sie uns auf unserem YouTube-Kanal!", lockt die Neue Lausitzer Philharmonie auf ihrer Homepage. Doch die Hoyerswerdaer kamen lieber selbst ins 4. Mandy Fürst / mft

Philharmonische Konzert. Sie sollten Recht behalten.

Es ist ein Abend der Gegensätze, dieses 4. Philharmonische Konzert der laufenden Saison. Vorgetragen von der Neuen Lausitzer Philharmonie unter Leitung ihres Generalmusikdirektors und Chefdirigenten Andrea Sanguineti unter Aufbietung eines im wahren Sinne ausgezeichneten Gil Garburg am Flügel, der seine herausragenden Beethoven-Interpretationen wohl genauso gern tanzen, streicheln und erzählen würde, wie er sie in die Klaviatur gibt. Gehört von einem atemlos aufmerksamen Publikum, das den für klassische Konzerte mitunter überdimensioniert anmutenden Saal der Lausitzhalle recht angenehm ausfüllte. Es war wohl Beethoven, der die Gäste lockte. Mit den Konzerten für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur und Nr. 3 c-moll präsentierten die Zittauer eine locker leichte zweite Halbzeit. Allerdings nicht ohne den Zuhörern zuvor, in bewährter Manier, unter dem harmonischen Deckmantel eine genüssliche Herausforderung unterzuschieben.

Zur Mitte der Saison trugen die Philharmoniker das "Marco Polo"-Konzert für Orchester aus der Feder des chinesischen Komponisten Tan Dun (*1957) vom Gerhart-Hauptmann-Theater hinaus in den Kulturraum.

Sie hätten durchaus überlegen müssen, aus welchen Instrumenten diese Töne kommen, stellt eine Gruppe ziemlich junger Leute in der Pause fest. Dass Holzbläser ohne Mundstücke in ihre Instrumente blasen, haben wahrscheinlich nicht nur diese Besucher noch nie gesehen. "Schreiben Sie: Das ganze Orchester wird zum Schlagwerk", regt ein Schüler an.

Wie wohl die Partitur, das Notenbild diese Klänge beschreibt? Es sind Zehntklässler aus dem Musikprofil des Lessing-Gymnasiums. Mit 60 bis 70 Jugendlichen ist Musiklehrerin Yvette Michael regelmäßig in den Anrechtskonzerten zu Gast. Beim Verdi-Requiem im Oktober seien es sogar an die 90 Schülerinnen und Schüler gewesen, sagt sie. Regelmäßig wirbt sie in ihrer Schule für die Neue Lausitzer Philharmonie. Das Orchester sei fantastisch und hätte unter Andrea Sanguineti eine wunderbare Formung erfahren. Dass der Dirigent nach dem Auslaufen seines Vertrages in der Saison 2017/18 weiterziehen wird, findet die Pädagogin nur logisch. Ein so junger Dirigent müsse sich an wechselnden Orten künstlerisch entwickeln. So wie es die Schüler unter dem Eindruck eines Live-Konzertes tun, wenn sie die Raumatmosphäre erleben und die Stücke sie direkt berühren können. "Man tut der Zukunft einen guten Dienst", begründet Yvette Michael ihr Engagement. Jeder Mensch entdecke im Laufe seines Lebens irgendwann die klassische Musik für sich. Diese jungen Leute hätten dann keine Hemmung, auch wirklich in ein klassisches Konzert zu gehen.

Am Ende befinden die Jugendlichen die beiden Kapitel im zweiten Teil für zu ähnlich. Den Prolog des Beethoven-Zyklus von gleich zwei Klavierkonzerten erzählen zu lassen, ist mit Blick auf die Fortsetzung im 7. und letzten Philharmonischen Konzert der Saison im Juni sicher gut erklärt.

Ein größerer stilistischer Sprung aber hätte zumindest dem Unterhaltungswert des Konzertgänger-Nachwuchses wohl etwas mehr Zucker gegeben. Die zweite Halbzeit habe für die erste entschädigt, ist nach dem anhaltenden Applaus an anderer Stelle zu hören. Man habe das "Gequietsche" noch immer im Ohr, sagen die einen. "Für die Asiaten ist Beethoven vielleicht auch gewöhnungsbedürftig", sagt Konzertbesucherin Beate Renner. Man solle doch bedenken, dass hier völlig unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, die in ihrem Ursprung noch nicht einmal mit den selben Instrumente musizieren. In der Küche probiere man ja schließlich auch mal einen asiatischen, mal einen anderen Genuss.

Das Ehepaar Renner entschied für sich, bei aller Liebe zur Deutschen Klassik den ersten Teil des Abends doch etwas spannender gefunden zu haben. Zu diesem Votum kann man den Zuhörern und seinen musikalischen Gastgebern nur gratulieren.