Wenn Evelin Graf mit einer Sache beginnt, dann steht sie voll dahinter. „Ich mache die Dinge, die mir Spaß machen. Sonst lasse ich es“, sagt sie. Die Arbeit im Behindertenbeirat der Stadt Hoyerswerda ist so eine Sache, die ihr Spaß macht – und die sie wichtig findet. Die 70-Jährige arbeitet nun schon seit 20 Jahren als Vorsitzende des Behindertenbeirats der Stadt. Jetzt wird die Unternehmerin dafür mit der „Martha“ geehrt.

„Martha“-Gewinnerin ist seit 20 Jahren im Ehrenamt aktiv

Auslöser für ihr Engagement in Sachen Behinderung: ein Fall in der Familie vor 27 Jahren. „Wir haben damals festgestellt, dass bei Themen, die Behinderung angehen, viele Fragen offen sind“, sagt Evelin Graf. „Um vieles muss man sich dort selbst kümmern.“ Im Jahr 2000 hat sie die Arbeit im Behindertenbeirat der Stadt Hoyerswerda aufgenommen. „Wir arbeiten viel im Hintergrund“, sagt sie. Dass es viel Arbeit und viele Absprachen sind, bekämen die meisten Menschen nicht mit.

Ein Beispiel: Bushaltestellen. Gemeinsam mit der Verkehrsgesellschaft arbeitet der Behindertenbeirat um Evelin Graf aktiv daran, möglichst viele Stadtbus-Haltestellen barrierefrei zu machen.

Jede Bushaltestelle in Hoyerswerda durch Behindertenbeirat gecheckt

„Wir haben jede Bushaltestelle abgenommen“, sagt sie. Bei bestimmten Haltestellen habe es Tests mit verschiedenen Rollstuhlfahrern gegeben, um zu sehen, ob das Ein- und Aussteigen auch in der Praxis klappt – und nicht nur theoretisch. Ebenso ist der Behindertenbeirat bei allen öffentlichen Bauten mit im Boot. Auch in Sachen Recht muss Evelin Graf am Ball bleiben: „Natürlich muss ich rechtlich auch immer auf dem neuesten Stand sein.“ Alle diese Tätigkeiten sind ehrenamtlich.

„Martha“-Preisträgerin führt noch immer ein Modegeschäft

Dabei hat Evelin Graf in ihrem Beruf schon eine große Verantwortung – für sich selbst und ihr Business. Die 70-Jährige hat sich nach der Wende mit ihrem Mode-Geschäft selbstständig gemacht und führt es weiterhin. „Eigentlich habe ich alle zehn Jahre etwas Neues gemacht“, sagt sie zu ihrer Vita. Erst ist Evelin Graf Datenverarbeiterin und später wissenschaftliche Mitarbeiterin im BMK (Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie) in Hoyerswerda. Anschließend arbeitet sie als Leiterin des Bades in Zeißig, um danach bis kurz nach der Wende Seniorenklub-Leiterin zu sein.

„Nach der Wende wurden alle Klubs in freie Trägerschaft überführt. Damit war ich quasi arbeitslos“, sagt Evelin Graf. Noch bevor ihre Zeit als Seniorenklub-Leiterin endete, hatte sie ihren Weg schon gefunden. „Ich war Hobby-Schneiderin und Textilgestalterin – also habe ich mich selbstständig gemacht“, betont sie.

Ihren ersten Laden in der Friedrichsstraße 3 hat sie damals wie heute. „Das war früher ein Blumenladen. Den wollte damals niemand, weil es dort eine Menge umzubauen gab.“ Doch Evelin Graf hat angepackt und geöffnet.

Heute kann sie ihre Arbeit und Einnahmequelle mit dem Ehrenamt als Vorsitzende des Behindertenbeirats gut verknüpfen: „Ich mache viel vom Laden aus. Anders wäre das auch nicht möglich“, sagt sie.

Evelin Graf ist aktiv für drei Beiräte in Hoyerswerda

Dabei kann die einstige Stadt- und Kreisrätin auf ihre Kontakte setzen, die sie in den vergangenen 20 Jahren gesammelt hat. Denn inzwischen engagiert sie sich zudem noch für den Seniorenbeirat Hoyerswerdas und ist Vorsitzende des Beirats für sorbische Angelegenheiten – obwohl sie so gut wie kein Sorbisch spricht. Aber: Sie füllt auch diese Aufgaben aus.

„Ich bin gar nicht der Mensch, der sich so in den Vordergrund schiebt“, sagt sie am Rande des Abschieds von VGH-Geschäftsführer Rainer Warkus in der Hoyerswerdaer Lausitzhalle. Trotzdem freut sie sich über die Ehrung mit der „Martha“. Letztlich haben sie die CDU-Fraktion des Stadtrats Hoyerswerda und der Malteser Hilfsdienst für diese Auszeichnung vorgeschlagen. „Ich hatte gar nicht mit der Ehrung gerechnet“, so Evelin Graf. „In Hoyerswerda hätten den Preis viele verdient.“

„Martha“-Auszeichnung


Die „Martha“ wird in Hoyerswerda seit dem Jahr 1998 an eine besonders engagierte Frau vergeben – zunächst jährlich, seit 2010 zweijährlich.

Preisträgerinnen seit 1998 waren: Helga Borch (1998), Gabriele Weitkus (1999), Carmen Schüler (2000), Erika Heimann (2001), Evelyn Lewandowsky (2002), Helga Wagner (2003), Gitta Liebeskind (2004), Dora Gebauer (2005), Manfreda Kopp / Schwester Manfreda (2006), Heidrun Gniot (2007), Antje Kruse-Michel (2008), Christiane Vogel (2009), Brigitte Schramm (2010), Christina Koch (2012), Regina Elsner (2014), Gisela Lossack (2016), Petra Zickler (2018).

Evelin Graf wird am 18. März anlässlich des Internationalen Frauentags in Hoyerswerda geehrt. Dann erhält sie die „Martha“-Plastik.

Im Jahr 2020 waren weiterhin für die „Martha“ vorgeschlagen: Gabriele Mark (Vorsitzende Seniorenbeirat), Anita Dutschke-Gröbe (ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende AWO Lausitz gGbmH), Madlen Krenz (Einrichtungsleiterin Vbff Hoyerswerda), Helga Hansch (künstlerische Leiterin Sorbische Volkstanzgruppe Zeißig), Manja Klimt (ehrenamtliches Engagement beim Vbff und beim Nachbarschaftshilfeverein), Brunhilde Richter (Unterstützung beim Sorbischen Kinderverein Zeißig und in der Kita „Lutki-Haus“), Ina Züchner (seit zehn Jahren beim Verein YFU Deutschland ehrenamtlich tätig).