Herr Kipping, Sie erzählen die Geschichte der Menschheit, die von Machtmissbrauch, Gewalt, Krieg und Zerstörungen geprägt ist. Der Obdachlose wird von den medial allzeit präsenten Bildern verfolgt, ja geradezu gemartert. Wie ist dieses Filmprojekt entstanden?
Ich hatte das Filmen, den Film eigentlich schon aufgegeben und wollte nur noch schreiben. Schrieb schon drei, vier Jahre an verschiedenen Skripten, vor allem über Orpheus. An der Tafel sprach - vor etwa drei Jahren - jemand zufällig von einem der "lost places" in Berlin, der Ruine einer "Babyklinik" in Weißensee, einem für mich vielleicht interessanten Drehort. Als ich mich in der Ruine, im zerstörtesten Zimmer länger aufhielt, kamen Äußeres und Inneres zusammen, ich musste hemmungslos weinen. All meine Verzweiflung brach aus mir heraus, im Unglück, Elend, Ausgegrenztsein, Verlierer, Gescheiterter, zerstört zu sein. Dieser brachiale Zusammenbruch, der mich selbst schockierte, war wohl der Auslöser. Ich wollte niemals im Leben vor die Kamera, ich habe jedes Foto von mir gehasst und mich abgelehnt. Ich mochte mein Gesicht nie und habe mir schon als Kind vor dem Spiegel ins Gesicht geschlagen. Irgendwann nahm ich plötzlich aber meine Handycam, hielt sie mir vors Gesicht und ging durch die Ruine. Ich wollte sehen, wie das aussieht. Als ich es sah, dachte ich plötzlich: Nanu, das sieht ja gar nicht so abscheulich aus, wie ich dachte. Und ich sah auch, über "meinem" zerstörten Zimmer schlief, hauste, wohnte ein Obdachloser unterm Dach. Ich störte ihn nicht, weil er gerade schlief und schlich mich davon. An meinem Film "Hommage a Hölderlin" von 1982 wollte ich eigentlich immer irgendwie nochmals arbeiten, er war/ist ein verhunzter Krüppel. Seine tatsächliche Länge waren zwei Stunden. Mein Mentor Lothar Warnecke hatte ultimativ gefordert, entweder der Film wird auf dreißig Minuten gekürzt oder es gibt keinen Film und das gedrehte Material wird eingestampft. Ich habe mich damals, an der Hochschule für Film und Fernsehen gebeugt und meinen Film zum Krüppel gemacht. Irgendwie, irgendwann kam das plötzlich alles zusammen, in der "Babyklinik", zu der es mich immer wieder magisch hinzog, wurde die "Idee" geboren.

Aus welchen Quellen haben Sie das Film- und Tonmaterial gewonnen? Gab es urheberrechtliche Fragen zu klären?
Außer dem selbst gedrehten Material ist alles aus dem Fernsehen/Kabelfernsehen aufgenommen. Die Urheber werden dann kommen, wenn Geld zu holen ist. Falls das geschieht, muss ich über den Preis verhandeln oder die Einstellung so verfremden, dass sie meine Kreation wird - oder sie herausnehmen. Das trifft aber nur für Einstellungen zu, die ich nicht genug verfremdet habe, die der Urheber also zu Recht als die seinigen betrachten kann.

Was verbindet Sie mit Friedrich Hölderlin und den anderen Dichtern, deren Texte Sie zitieren?
Hölderlin, Heym, Trakl sind Seelenverwandte, meine Familie, meine Wahlverwandten, meine Geschwister, mein Schwarm, den ich mir ausgewählt habe und mit dem ich durch die Zeit fliege.

Im Abspann heißt es: "Ein Film von und mit Herwig Kipping". Es sind keine weiteren Mitwirkenden aufgeführt. Ist dieser Film ein Ein-Mann-Projekt?
Ja! Dieser Film ist ein Ein-Mann-Projekt.

Wie haben Sie den außergewöhnlichen Film finanzieren können?
Es ist ein Null-Finanzen-Film. Selbst die Kassetten, die ich benutzte, waren gebraucht, weil neue zu teuer waren. Aber die Stromkonzerne rüffeln mich ständig wegen meines zu hohen Stromverbrauchs.

Sie sind 1992 für "Das Land hinter dem Regenbogen" beim Bundesfilmpreis mit dem Filmband in Silber ausgezeichnet worden. Mit "Novalis - Die blaue Blume" haben Sie 1993 Ihren bis dahin letzten Film veröffentlicht. Mit welchen Projekten haben Sie sich danach beschäftigt?
Ich habe mindestens noch eine Handvoll unvollendete Langfilme auf meinen Festplatten liegen. Ob ich sie jemals vollenden kann, müssen Sie Gott fragen. Außerdem habe ich mindestens zwei Hände voll Drehbücher geschrieben. Ob ich sie jemals zu Filmen oder Filmen auf Papier machen kann, müssen Sie auch Gott fragen. Es sind Arbeiten über die Günderode, Heine, Goethe, Nietzsche, Wagner, Meister Eckehart, Meister Eckehart als Kind, Ossi Bossi, Honecker, Mielke, Orpheus als Kind, "Das Prinzip Hoffnungs-Los", "Good buy Stalin, Good buy Schröder", "Trance Dance", "Die Kultur der Massenmörder", "Die Kloake Hollywood", "Das Proletariat der Freiheit" ...

Wo ist "Der Obdachlose Hölderlin" bereits gezeigt worden? Wie hat das Publikum reagiert?
Eine Vorfassung ist am 3. Oktober 2015 im Kaffe-Kino im Prenzlauer Berg gezeigt worden. Es gab drei Zuschauer. Sie waren, so war mein Eindruck, recht angetan.

Wie ist die Idee zur Aufführung in Groß Jehser entstanden?
Siegfried Kühn hat mich eingeladen und ich habe die Einladung dankbar angenommen.

Mit Herwig Kipping

sprach Ingrid Hoberg

Zum Thema:
Herwig Kipping ist 1948 in Meyhen (Naumburg) geboren worden und lebt in Berlin. Er studierte zunächst Mathematik an der Humboldt-Universität Berlin (1968 bis 1972). In dieser Zeit begann er Texte von Georg Heym, Georg Trakl, Arthur Rimbaud, Paul Verlaine, Charles Baudelaire wie auch Friedrich Nietzsche zu lesen.Er begann selbst zu schreiben, gab sein Mathematikstudium auf, kam zum Fernsehen der DDR. Dort war er Regieassistent bei Thomas Langhoff. 1978 bis 1982 studierte er Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam. "Bahnpostfahrer" war 1979 sein erster Film. Es folgten weitere wie "Hommage a Hölderlin" (Diplom-Film), "Karl Stülpner oder der Traum vom Fliegen" (beide 1983), "Selbstmord" (1989). "Novalis - Die blaue Blume" (1993) ist der letzte Film mit dem Defa-Signum Spielfilmstudio Potsdam-Babelsberg, danach heißt es Studio Babelsberg GmbH. Kipping war Schüler bei Heiner Carow an der Akademie der Künste in Berlin. Aus den Händen von Akademiepräsident Heiner Müller erhielt er sein Diplom über den erfolgreichen Abschluss des Meisterstudiums. Es war für ihn wie eine Stafettenübergabe. Kipping wird zur letzten Generation der Defa-Regisseure gezählt.