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| 20:30 Uhr

600-Jahrfeier
Spreewitzer fahren Kirche durchs Dorf

600-Jahr-Feier in Spreewitz FOTO: Torsten Richter-Zippack
Spreewitz. Die Einwohner feiern die 600. Wiederkehr der Ersterwähnung mit einem Festumzug und offenen Vierseitenhöfen. Von Torsten Richter-Zippack

Seit Anfang Juni gibt es die Spreewitzer Kirche im Doppelpack. Da ist zum einen das originale Fachwerkhaus aus dem Jahr 1688. Und zum anderen ein nicht ganz maßstabsgerechter Nachbau aus Pappe: Der ist jetzt durch den rund 300 Einwohner zählenden Ort am Zusammenfluss von Großer und Kleiner Spree gerollt. Denn am Sonnabend hat der Festumzug anlässlich des Jubiläums 600 Jahre Spreewitz stattgefunden.

„Erst vor zwei Wochen entstand die Idee, unsere Kirche nachzubauen“, erzählt Marlen Waschnick. Gemeinsam mit Familie Urbank hat sich die Spreewitzerin ans Werk gemacht und mittels zahlreicher Fotos das Papp-Gotteshaus zusammengeschnitten und geklebt. Ein Trick: „Die originalen Kirchenfenster haben wir fotografiert und die Bilder dann ausgedruckt. Dann wurden sie an die kleine Kirche angebracht“, berichtet Waschnick weiter.

Während des Umzuges erhält die Konstruktion mit ihrem knapp zwei Meter hohen Turm viel Applaus. Jetzt soll das kleine Gotteshaus in der originalen Kirche eingelagert und zu besonderen Anlässen gezeigt werden.

Einen weiteren Schatz aus der Spreewitzer Vergangenheit präsentiert Eckhard Jurischka im Festumzug. Und zwar das originale DDR-Ortseingangsschild. „Nach der Wende wurde die alte Tafel abgeschraubt und lag länger als zwei Tage an der Straße nach Zerre“, erinnert sich der gelernte Autoschlosser. Dann hatte er das Unikat an sich genommen und anschließend in der Garage aufbewahrt. „Jetzt zeige ich das Schild erstmals wieder öffentlich“, sagt Jurischka, der als Polizist verkleidet im Umzug dabei ist. Eines ist dem Spreewitzer allerdings nicht gelungen: „Ich hatte versucht, den nach der Wende überklebten Schriftzug ,Bezirk Cottbus‘ freizulegen. Das funktionierte aber nicht.“

Aus dem benachbarten Neustadt/Spree angereist ist der sorbische Hochzeitszug des Heimatvereins. „Die Frauen wurden über dreieinhalb Stunden angezogen“, berichtet Vereinsvorsitzender Stefan Krautz. Trotz der brütenden Hitze von 33 Grad Celsius tragen die Damen unter anderem zwei Schürzen und drei Röcke. „Ganz schön hart“, kommentiert Krautz das mitfühlend.

 Die Spreewitzer haben die alten Höfe in den vergangenen Jahren auf Vordermann gebracht.Die Bewohner sind prima Gastgeber für die Festbesucher.
Die Spreewitzer haben die alten Höfe in den vergangenen Jahren auf Vordermann gebracht.Die Bewohner sind prima Gastgeber für die Festbesucher. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Fast wäre dieser Höhepunkt des Spreewitzer Festumzuges abgesagt worden. „Denn wir können nur noch mit 23 Mitgliedern, die ein Durchschnittsalter von 65 Jahren haben, aufwarten“, begründet der Vereinschef. Doch mehrere Frauen hätten sich dann entschlossen, den Auftritt dennoch durchzuziehen. Letztendlich präsentieren rund 20 Neustädter den Hochzeitszug. Übrigens: Die bislang letzte originale sorbische Hochzeit in Neustadt liegt bereits über 60 Jahre zurück. Und kirchlich geheiratet wird bis heute im Spreewitzer Gotteshaus.

Klaus Hengstler, Vorsitzender des Spreewitzer Fastnachts- und Traditionsvereins, hat für den Festumzug den Hut auf. Jetzt zahlt sich die monatelange Arbeit aus. „Wir zeigen 20 Bilder mit mehr als 200 Teilnehmern“, rechnet Hengstler vor. Er selbst schreitet an der Spitze voran und präsentiert dort das Dokument mit der urkundlichen Ersterwähnung seines Heimatortes. Spreewitz war anno 1419 im Rentenregister der Landvogtei Bautzen genannt worden. Laut dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden erfolgte die Ersterwähnung erst im Jahr 1568.

Während des Festwochenendes gewähren die Besitzer mehrerer Höfe entlang der Dorfaue Einblicke in ihre privaten Reiche. Wie alt die stolzen Anwesen, meist Vierseitenhöfe, genau sind, kann wohl niemand mit absoluter Genauigkeit sagen. Zumindest bilden die Klinker-Ensembles eine in sich abgeschlossene Welt. Dort werden verschiedene lausitztypische Handwerke gezeigt, beispielsweise das Klöppeln der Frauen aus Burgneudorf und das Herstellen von Honig.

Vor Ort ist auch das Lupus-Institut mit der Wissenschaftlerin Gesa Kluth, die über Lausitzer Wölfe berichtet. Bereits seit anderthalb Jahrzehnten sind die Experten in Spreewitz ansässig, erinnert Tierfilmer Sebastian Koerner. „Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir hier auch nicht mehr weg“, so der gebürtige Osnabrücker und Wahl-Lausitzer.

600-Jahr-Feier in Spreewitz FOTO: Torsten Richter-Zippack